Song

Anaconda ‘Mour

Laufzeit

0:57 Minuten

Album

Data De Groove [1990]

Musik, Text und Produktion

Musik: Robert Ponger
Text: Falco
Produzent: Robert Ponger

Über den Song

Mit einer Laufzeit von unter einer Minute ist dieser Song der mit Abstand kürzeste in Falcos Oeuvre. Um seine Entstehung beziehungsweise um die Art und Weise, wie dieser Song geplant war, ranken sich Mythen. So behauptet Falcos Manager Horst Bork in seinem Buch etwa, dass der Song eigentlich als Nummer mit einer für einen Popsong normalen Laufzeit und einem üblichen Aufbau geplant war, dies aber aufgrund Falcos Schwierigkeiten bei der Texterstellung nicht möglich war und daher das Lied-Fragment von Robert Ponger in eine unübliche Form mit nur wenigen Worten und einer extrem kurzen Länge gebracht wurde. Bork bezeichnet das Resultat als „Bankrotterklärung“.

Ob dem wirklich so war, oder dieses Werk immer schon in dieser Form als Abschluss des Albums Data De Groove gedacht war, kann nicht ohne weiteres festgestellt werden. Es ist eine Nummer die lediglich aus einer wohl bewusst kitschigen und melodramatischen Synthesizer-Melodie besteht, die Melodie erinnert an Filme aus den 1950er Jahren und auch an französische Chansons. Der musikalische Stil sowie die Inszenierung der Soundlandschaft durch Robert Ponger machten es schwer zu glauben, dass die kurze Form dieses Songs aus einer Not heraus entstand – da auch die Musik nicht gerade durch Komplexität besticht und auch keine andere Instrumentierung außer den schmalzigen Synthesizern vorliegt, liegt der Verdacht nahe, dass diese Abschlussnummer sehr wohl immer schon von Ponger und Falco derart geplant und konzeptioniert gewesen ist. Die Melodie ist langsam, verträumt, poetisch und, wie erwähnt, immer am Rande des selbstironischen Kitsches schwebend. Darüber legt Falco seine ebenfalls dicht an der Selbstironie liegende Stimme.

So liebreizend und gefühlsduselig der Sound auch ist, der Text hat es in sich: wenig verhüllt singt Falco hier von Sex, allerdings hat er dafür eine sehr umschreibende Form gewählt und arbeitet mit einem Wortspiel. So kann man die Zeile „Der Schlange Kur ist nur l’amour“ mit einem sexuellen Unterton lesen. In vielen Sprachen (wenngleich oft nur im Soziolekt oder Slang, in der derben, oft männlichen, Umgangssprache) wird die Schlange auch als Synonym für das männliche Geschlechtsteil verwendet, wenn Falco also von einer Kur dieser Schlange singt, dann geht es um die sexuelle Erleichterung, Linderung, um den Orgasmus, der durch den Liebesakt („l’amour“) erreicht wird. Bei Marvin Gaye würde es wohl „Sexual Healing“ heißen.

Falco erfindet dann ein Wort („Anaconda ‚Mour“), welches diese „Schlangen/Penis-Liebe“ bezeichnen soll und fügt auch noch die Info hinzu, dass diese Liebe „toujours“, also immer noch, nach wie vor existiert (und wohl auch immer bestehen wird). Falcos Wahl der Schlangengattung Anaconda (aus der Familie der Boas) dürfte wohl ausschließlich aufgrund der phonetischen Eigenschaften erfolgt sein.

Zugegeben, Falcos Sprachspiel und Wortwitz gehören, wenn man dieser Leseart folgt, vielleicht nicht zu den originellsten und haben dann auch eine sicherlich vulgäre Bedeutungsebene, aber allein der Umstand, dass Falco es schafft, dieses sexuell-humoristische Bonmot in eine Sprache zu packen, bei der die wahre Bedeutung nicht sofort erkennbar ist, macht diesen Songtorso zumindest textlich unterhaltsam. Auch dürfte sich Falco sehr gefreut haben, eine solche zweideutig-eindeutige Botschaft in einen Song zu packen, das hat er ja bei Rock Me Amadeus, dem Song bei dem er an einer Stelle in verschiedenen Mixes eindeutig „Fuck Me Amadeus“ singt, auch schon mal gemacht. Es ist dieses versteckt Subversive, das diesen eigentlich braven Song zu etwas Besonderem macht.

Übrigens: die Phrase „Der Schlange Kur“ kommt zwei Jahre später auch im Song Cadillac Hotel vor, auch hier in einem recht eindeutig sexuellen Zusammenhang: „Tour-retour, acting on l’amour, wir spielen das alte Spiel, der Schlange Kur, so nah, ihr hohes Ziel“. Auch hier geht es um den Liebesakt und den hoffentlich erfolgenden Klimax.

Falcos Wortformulierungen in diesem Song gehörten übrigens zu den Lieblingstexten von Ide Hintze, dem Poeten und Multimediakünstler, der durch seine beginnende Freundschaft zu Falco zu dieser Zeit sicherlich auch einen Einfluss auf seine Texte hatte.

In der Textbeilage zum Album Data De Groove wird der Titel übrigens alternativ geschrieben, „Anacoundamour“.

Im Musikexpress/Sounds wurde der Song bei der Veröffentlichung wahrscheinlich nicht derart sexuell interpretiert, hier wird von einer „Parodie auf die französische Verführkunst“ gesprochen und davon, dass die Nummer „einen versöhnlichen Ausklang der LP“ darstellt.

Der Abschlusssong auf dem Album Data De Groove ist sicherlich ein, aus welchen Gründen auch immer, Experiment, ein Spiel mit dem Format des klassischen Popsongs. Er ist extrem kurz, hat kaum Text und entspricht auch von der Musik her nicht den Erwartungen, die die Fans an eine Falco-Nummer haben. Und da reden wir noch gar nicht vom Text. Es ist kein uninteressantes Werk, aber wenn man bedenkt, dass die Songs, die im Tracklisting vor diesem Song kommen - U.4.2.P.1. Club Dub und Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry) – ebenfalls einen stark experimentellen und unüblichen Charakter haben, dann kommt man nicht umhin festzustellen, dass ein solches Fragment eine nicht gerade befriedigende Schlussnummer ist. Per se ist das Lied der klassische letzte Song, aber durch die unglückliche Reihung der Nummern davor erhält er den schalen Beigeschmack, dass hier den Beteiligten nicht mehr wirklich was eingefallen ist. Isoliert betrachtet, hat der Song durchaus seine Reize, als letztes Element eines für Falco gewagten Albums sieht man ihn aber leider vielleicht nicht im richtigen Licht.

Text

Na, na
Hey
Na, na, na, na, na, na

Der Schlange Kur
Ist nur l'amour
For sure

Der Schlange Kur
Toujours
Anakondamour

Ey

Übersetzung französische Textpassage

Toujours

Immer, immer noch, nach wie vor

Meine Textfassung beruht, falls vorhanden, auf den Textbeilagen der offiziellen Veröffentlichungen (Booklet, Inlay, Cover etc.). Allerdings wurden alle Texte abgehört und nach dem gesungenen Wort korrigiert. Bei Songs, bei denen keine Textbeilagen verfügbar sind, basiert meine Fassung ausschließlich auf dem gesungenen Wort bzw. auch auf im Internet kursierenden Versionen. Textpassagen, die im Dialekt gesungen wurden, stehen in gemäßigter Transliteration. Rechtschreibfehler, sowohl deutsche als auch englische, wurden in eklatanten Fällen korrigiert. Die Rechtschreibung beruht teils auf der zur jeweiligen Zeit gültigen (Textbeilagen), teils auf der neuen Rechtschreibung (eigene Abhörungen). Auf Satzzeichen wurde im Allgemeinen verzichtet. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar.