Studio Album

Data De Groove

Mai 1990
Teldec Record Service GmbH
Charts: #11 AUT

Single-Auskoppelungen

Über das Album

Nach dem sowohl künstlerischen als auch kommerziellen Misserfolg des Albums Wiener Blut, war Falco am Boden. Er selbst meinte Jahre später zu dieser Phase: „Es war der Tiefpunkt meines Lebens.“ Und in der Tat, sowohl privat als auch karrieretechnisch lag 1988 vieles im Argen: die letzte LP war weit hinter den Erwartungen geblieben, die geplante Tournee wurde aufgrund von mangelndem Interesse abgesagt und auch mit Falcos neuem Image als biederer Sandkasten-Familientyp konnten die Fans sich nicht wirklich anfreunden. Hinzu kam, dass ihm, nach den Jahren der Falco-Euphorie, nun auch ein scharfer medialer Gegenwind ins Gesicht blies: „1988 war der Startschuss für die ‚Wir-finden-jetzt-dass-Falco-für’n-Arsch-ist-Kampagne‘ bemerkte Falco Jahre später in einem Interview zu dieser Zeit. Auch fühlte sich Falco nach fast pausenloser, auch internationaler Promotiontätigkeit für seine Platten ausgebrannt, seine Karriere wuchs ihm über den Kopf. Er hatte 86 Kilo und trank laut Eigenaussage zwei Flaschen Whiskey am Tag. Dazu kam ein schwieriges Privatleben, in der Ehe mit Isabella kriselte es heftig.

In dieser Situation zog Falco 1989 die Reißleine und unternahm einen Selbstläuterungsprozess: er ging auf eine monatelange Weltreise (Thailand, Tahiti, Australien, USA), verzichtete auf Alkohol, machte täglich Sport und nahm 17 Kilo ab. Auch ließ er sich von Isabella scheiden und versuchte, seine Karriere zum Laufen zu bringen. Dabei war, wie immer, die Wahl des Songwriters und Produzenten eine elementare Frage. Eine Zusammenarbeit mit den Bollands kam nicht in Frage (einerseits, weil die Holländer nach dem Eklat rund um die Fertigstellung des Albums Wiener Blut kein Interesse mehr hatten, andererseits weil auch Falco eine neuerliche Kooperation ablehnte: „Die Zusammenarbeit mit den Bollands war, trotz Rock Me Amadeus, ein Fehler. Ein Charismatiker vergibt keine Auftragsarbeiten. Ich habe gemerkt, dass sich der Schmäh aus Wien nicht in holländisches High-Tech übersetzen lässt, es war eine falsche Richtung“). Es musste also wieder ein neuer Partner gesucht werden. Während Falcos Manager, Horst Bork, einen international erfahrenen Mann engagieren wollte (es fielen Namen wie Giorgio Moroder, Harold Faltermeyer, Peter Wolf und auch Frank Farian), favorisierte Falco jemanden, mit dem er bereits zusammengearbeitet hatte und bei dem er das Gefühl hatte, das er die Essenz von Falco besser verstand als jeder andere: Robert Ponger, der Produzent seiner beiden ersten Alben Einzelhaft und Junge Roemer (Falco: „Ich als Szenist bin dort am besten, wo ich zuhause bin“). Wenn man bedenkt, dass Falco in dieser Phase seiner Karriere einen Hit gebraucht hätte, um sowohl national als auch international weiterhin im Rennen zu bleiben, erscheint Ponger nicht unbedingt als erste Wahl: So hatte Ponger für Falco zwar stets qualitativ hochwertige Songs geschrieben, mit der Ausnahme von Der Kommissar war aber keiner dieser Songs ein großer Erfolg geworden. Da aber auch Falcos Plattenfirma Teldec von diesem Vorschlag sehr angetan war, begannen Falco und Ponger im Herbst 1989 in Wien mit der Produktion neuer Nummern. Falco war in die Entstehung dieses Albums weitaus stärker eingebunden als in die Produktion der Alben mit den Bollands, was natürlich daher rührt, dass er nun erstmals seit 1984 wieder seine Texte alleine (ohne Input seiner Songwriter) schreiben musste. In der Zusammenarbeit Falco-Ponger gab es eine klare Musik/Text-Aufgabentrennung.

Auch wurde das Album unter anderen Vorzeichen geplant als die drei letzten Alben – Falco meinte zur Zielrichtung: „Ich sehe keine Veranlassung, mich von der Plattenindustrie oder von irgendjemand antreiben zu lassen. Ich habe alle Zeit der Welt und nehme sie mir auch. Ich will nicht einen Gang runterschalten, sondern zwei. Aber wenn man wie ich jahrelang im Overdrive gefahren ist, dann ist man auch so noch schnell genug. Ich bin unterwegs zu neuen Ufern. Es ist die letzte LP aus dem Vertrag mit Teldec, durch den ich mörderisch viel verdient habe. Mit dem neuen Album muss ich zeigen: das ist der Weg für den nächsten Plattenvertrag. Dass es Falco weiterhin geben wird, ist sowieso keine Frage. Ich hätte ja schon nach Der Kommissar sagen können ‚Kinder, leckts mich am Arsch, ich habe genug verdient!“.

Falcos Manager, Horst Bork, umriss die Konzeption des Albums folgendermaßen: „Es wird ein Befreiungsschlag. Über die neue Platte werden sich viele Leute wundern. Immer wenn Falco im Abwärtstrend ist, wachsen ihm Flügel. Er wird den Amerikanern nicht Coca-Cola verkaufen. Geplant ist keine Produktion, die sich möglichst schmiegsam dem US-Massengeschmack anpasst, sondern ein echter, erdiger Falco. Die LPs Einzelhaft und Junge Roemer dienen als Vorbild, Wiener Blut nicht“.

Gleichzeitig entwarf Falco auch eine Art Drehbuch für die kommende Kooperation. Falco fasst die Lage damals so zusammen: „Es ist fünf Minuten vor zwölf – jetzt schlägt die Stunde null. Er reißt sich los. Viereinhalb Monate weiß niemand, wo er ist. Falcos Mysterienspiel. Trennung, mentale Entsorgung, körperlicher Kult, künstlerische Offensive. Ein Mann macht klar. Er deklariert Wien zum Mittelpunkt seiner menschlichen und künstlerischen Lebensinteressen. Unter neuen Vorzeichen entwickelt sich zwischen ihm und seinem Co-Produzenten der ersten Stunde ein musikalisches Spannungsfeld, das die Spontanität der ersten beiden Alben mit der internationalen Erfahrung der späten achtziger Jahre in sich trägt“.

Und in der Tat entstand auch während der Arbeiten zu diesem Album ein „Spannungsfeld“, jedoch mehr in dem Sinn, wie es bereits 1984 zwischenmenschlich im Rahmen der Produktion der LP Junge Roemer vorhanden war und weniger im kreativen Sinn, wie es Falco in seinen Wünschen erhofft hatte. Denn auch diesmal war es wieder so, dass Robert Ponger mit der Musik fertig war, Falco jedoch nicht mit seinen Texten weiterkam. Wie erwähnt, bei den Alben mit den Bollands (und auch Mende/Derouge) hatte Falco gleichzeitig mit den Musikbändern immer zumindest auch Textideen oder -fragmente geliefert bekommen. Dies fiel nun wieder weg, Falco war bei der Erstellung seiner Texte auf sich alleine gestellt. Und auch dieses Mal führte dies wieder zu großem Druck und Schreibblockaden. Aus diesem Grund wurde, laut Horst Bork, auch erneut Gerd Plez als inoffizieller Texthelfer mit an Bord geholt.

Aber auch dieser tat sich mit Hilfestellungen schwer. Das lag auch unter anderem daran, dass Falcos Texte für das geplante Album mehr als je sehr kryptisch waren, es handelte sich dabei mehr um Sprach- und Wortspiele als um typische Texte für Popsongs. Nun waren Falcos Texte ja immer schon recht stilisiert (vor allem auf dem Album Junge Roemer) aber hier ging Falco noch einen Schritt weg von verstehbaren, eingängigen Texten. Dieser Umstand kam sicherlich auch daher, dass Falco 1989 den Wiener Lyriker und Performance- und Multimediapoeten Christian Ide Hintze getroffen hatte, von der Literatur Ernst Jandls und H.C. Artmanns sehr angetan war und sich zu dieser Zeit viel damit beschäftigte (Falco und Hintze sollten ein paar Jahre später im Rahmen der Schule für Dichtung noch einmal miteinander zu tun haben, Hintze fertigte auch zahlreiche Songs mit Samples von Falcos Stimme an).

Angefangen wurde mit der Produktion von Falcos sechstem Album im September 1989 in Robert Pongers Studio West, nach einem halben Jahr war die LP immer noch nicht fertig. Um frischen Wind und Tempo in das Projekt zu bringen, beschloss man im März 1990, die finale Abmischung (und die Aufnahme der letzten Gesangsparts von Falco) in London, in den Livingston Studios, also quasi auf neutralem Boden, vorzunehmen. Falco war zu diesem Zeitpunkt schon in einem schlechten Zustand, er trank wieder und verfiel in eine isolierende und emigrierende Depression. Während der Zeit in Englands Hauptstadt randalierte Falco in Hotelzimmern, die Situation drohte zu eskalieren. Einen recht guten Eindruck von Falcos Zustand zu dieser Zeit gibt ein TV-Dokument des ORF, Falco hat sich während der Aufnahmen aufgrund von Drogen- und Alkohol-Eskapaden nicht mehr wirklich im Griff, ein trauriges Denkmal seiner seelischen Instabilität.

Laut Horst Bork vollendet Robert Ponger in dieser schwierigen Situation die Produktion des Albums, indem er Teile aus Texten mehrfach in Songs einsetzt beziehungsweise andere Songs (spontan denkt man an Anaconda ‘Mour und U.4.2.P.1. Club Dub) lediglich als Fragment und stark verkürzt und ohne wirklichen Textanteil fertiggestellt werden.

Nach Abgabe bei der Plattenfirma herrschte dort, laut Horst Bork, zunächst mal große Ratlosigkeit. Man betrachtete die LP als sperriges, nicht sehr zugängliches Werk mit einer Kunstsprache, die das Publikum wohl verunsichern würde. Auch Seymour Stein, der Chef von Falcos amerikanischer Plattenfirma Sire war nicht gerade angetan, die Platte war für ihn eine glatte Arbeitsverweigerung und Provokation. Während noch 1988 Falcos Aufnahmen zur geplanten LP „Aya“ (die schlussendlich unter dem Titel Wiener Blut erschien) von Teldec abgelehnt wurden, entschloss man sich jetzt aber dazu, das Album trotz der Bedenken zu veröffentlichen.

Musikalisch stellt das Album eine sanfte Neuausrichtung des Falco-Sounds dar: nichts mehr ist vorhanden vom kommerziellen Bombast-Sound, den die Bollands vielen Songs gaben, aber auch der Ponger-Sound, der bei Einzelhaft noch eine eher funkige beziehungsweise bei Junge Roemer eine extrem hochglanzpolierte Richtung eingeschlagen hatte, veränderte sich hin zu einem sanfteren, organischeren Ton in der Gesamtausrichtung. Es ist eine eigenartige Symbiose von Falcos (im Vergleich zu den Vorgängeralben) deutlich entspannterem Gesangsbeitrag und Musik, die von Ponger fast schon mehr wie Hintergrundgeräusche denn als echte, kompakte Songs umgesetzt wurde. Viele Nummern weisen eine weniger formalistische Form auf als dies bei Falco-Songs, die die Bollands geschrieben haben, der Fall ist. Falcos Stimme weht bei vielen Songs fast schon nicht mehr wahrnehmbar über der Musik, die auf eine gewisse Art austauschbar und teilweise fast schon belanglos klingt. Manchmal hat man den Eindruck, als wäre Falco lediglich ein Gastsänger, ein teilnahmsloser Beobachter auf dem Album von Robert Ponger, eine so prominente Hauptrolle spielt die Musik in vielen Songs.

Ewa Mazierska beschreibt den Sound der LP als „otherwordly and clear, as if it was not created by a human, but a super-talented computer. It is music made to fill spaces of exposition of new technology, high-tech museums, airport lounges or shopping centers, rather than discos and streets. Falco offers no Ziggy Stardust of the postmdern age, he has a subdued presence, like a victim“. Das erscheint zwar ein bisschen übertrieben, aber es ist unbestritten, dass die Songs des Albums wärmer und natürlicher klingen, das merkt man vor allem bei den Drums: Curt Cress gibt den Nummern, im Vergleich zum häufigen Einsatz eines Drumcomputers bei den Bollands, einen menschlichen, intimen Klang.

Es scheint, als hätten Falco und Ponger mit diesem Album versucht, die Marke Falco in einen neuen Kontext zu stellen, die Musik zu modernisieren, ein bisschen mehr Electro als Pop, mehr organischer Sound als High-Tech. Dies gelang aber nur teilweise, vielfach erscheint dieser Versuch halbherzig, mutlos. Und leider setzt sich ein Trend fort, der zu erwarten war: Robert Ponger ist ein hochprofessioneller Produzent, er ist aber niemand, der Hits zu schreiben imstande ist – Der Kommissar war die Ausnahme, alle anderen Songs, die Falco in Zusammenarbeit mit Ponger aufgenommen hat, verfügen über kein wirkliches Hitpotential. Das ist auch auf diesem Album der Fall: es ist sehr homogen und fein produziert, aber es verfügt über keinerlei kommerzielle Kraft, eine Hitsingle ist weit und breit nicht in Sicht. Alles klingt musikalisch ein bisschen weichgespült, esoterisch, abgehoben und gewichtslos, von lauwarmen Synthie-Beats zugedeckt. Falco erscheint oft am Rande der Wahrnehmbarkeit und des Verschwindens, der Sound ist irgendwie gleichzeitig modern und altmodisch, melancholisch und optimistisch, nostalgisch und futuristisch, unfokussiert und dennoch scharf – es ist ein Album der Widersprüchlichkeiten.

Auch textlich und inhaltlich wurde die Falco-Formel ein bisschen verändert: wahrscheinlich auch inspiriert von Falcos Bekanntschaft mit dem Poeten Ide Hintze und einem starken Interesse an Literatur im Stile eines Ernst Jandls und der Beat Poetry, ersann Falco Formulierungen, die weniger von seinem typischen Witz und seinem ironischen Zynismus und Schmäh getragen werden, sondern sehr kryptisch, kühl, gekünstelt und stilisiert sind. Das gab es zwar auch schon auf dem Album Junge Roemer, aber hier legt Falco noch eine Schaufel Künstlichkeit und steriler Sachlichkeit drauf, die Verständlichkeit und Zugänglichkeit der Lyrics ist nicht wirklich spontan gegeben, mehr als Assoziationen und Slogans prägen selten die Songs. Falcos Texte sind experimentell und formalisiert und die Reaktion der Kritiker und Fans fiel ähnlich aus wie beim aus textlicher Sicht sehr ähnlichen zweiten Falco-Album. Diese Verwirrung und Ratlosigkeit hat Falco dabei bewusst in Kauf genommen: „Ich will gar nichts erzählen. Was weiß ich, was das heißen soll! Es geht nicht darum, dass die Leute Messages finden, sondern darum, Feeling zu erzeugen, assoziativ, durch Reizworte und Zitate“.

Dass die Texte dieses Albums derart in der Kritik standen, ist jedoch nicht ganz nachvollziehbar. Diese sprachlichen Experimente ohne wirkliches Thema und ohne eine Geschichte, die sich in den Songs erkennen lässt, waren spätestens seit 1984 Teil von Falcos Lyrics und es gibt zahlreiche Songs, wo man über den Inhalt nur rätseln kann. Die breite Ablehnung dürfte wohl auch dadurch entstanden sein, dass der Musik der Biss fehlt und die Leute nach dem enttäuschenden Werk Wiener Blut von Falco nun eine LP forderten, die ihnen wieder das gibt, was sie vom Künstler hören wollten. Der Umstand, dass das Album nun eine musikalisch leicht veränderte Richtung einschlug, führte, in Verbindung mit den unenträtselbaren Texten, wohl zu der massiven Ablehnung, die das Album schlussendlich erfuhr. Nichtsdestotrotz ist es eine LP, bei der Falco erstmals seit 1984 wieder hauptverantwortlich für die Texte zeichnete, ein Umstand, der die Songs sehr persönlich macht – eine positive Entwicklung, wenn man bedenkt, dass Falco für Emotional und Wiener Blut kaum noch Texte selbst geschrieben hat.

Vielfach wird interpretiert, dass es sich bei diesem Album um ein Werk des Computerzeitalters handle, dass es ein Konzeptalbum sei, dass der Ära der Computertechnologie gewidmet ist. Diese Sicht ist jedoch nicht nachvollziehbar. Lediglich ein einziger Song (die Titelnummer) verwendet in Teilen des Textes Worte und Begriffe aus der Programmier- und Computersprache. Sämtliche andere Songs tun dies nicht und auch eine thematische Klammer über dem Album ist in dieser Hinsicht nicht mal ansatzweise zu entdecken. Die Idee, dass Falco diese Platte als Computer-Konzeptalbum geplant hat, kommt wohl einzig und allein aus der Tatsache, dass das Lied Data De Groove als erste Single bereits vor der Veröffentlichung des Albums ausgekoppelt wurde und daher viele annahmen, das ganze Album beschäftige sich mit dieser Computer-Kunstsprache.

Vielmehr geht Falco auf den Nummern der LP thematisch in die Breite, bei den Songs geht es um die Postmoderne (Neo Nothing – Post Of All), um die geplante Wiener Weltausstellung (Expocityvision), um S&M-Sex (Charisma Kommando) und um Liebesbekundungen an Modells (Tanja P. Nicht Cindy C.). Auch das ewige Thema Mann/Frau (Pusher, Alles Im Liegen), sowie Besuche in Dance-Clubs (U.4.2.P.1 Club Dub) und das hedonistische Verhalten in Nachlokalen (Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry) (dort trifft man, wie der Titel schon andeutet, auch die gute, alte Jeanny wieder) und sexuellen Anspielungen werden hier behandelt. Nicht der Computer, sondern Sex dürfte damit der rote Faden sein, der sich, wie bei keinem anderen Falco-Album, durch diese LP zieht: bei nicht weniger als sieben der zehn Songs geht es mehr oder weniger direkt darum (Charisma Kommando, Tanja P. Nicht Cindy C., Pusher, Alles Im Liegen, Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry) und Anaconda `Mour). Falco dürfte also nicht nur für die Inspiration des Songs Tanja P. Nicht Cindy C. viel Prince gehört haben, dessen Hauptthema zieht sich auch massiv durch Falcos gesamtes sechstes Album.

Das Album ist sehr homogen, allerdings muss auch festgestellt werden, dass beim Hören der Platte auffällt, dass nach sieben Songs das Tracklisting nicht optimal ist: die letzten drei Songs fallen sowohl im Stil als auch von der Qualität her stark ab und lassen die LP so nicht optimal, sondern mit einem schalen Nachgeschmack ausklingen. Es ist kein Wunder, dass dieses Werk das Image eines unbalancierten, introvertierten Albums hat, das auf kommerzielle Ansprüche keine Rücksicht nimmt. Gleichzeitig ist es aber natürlich eine sehr authentische Platte, zu der Falco viel beigetragen hat und die nach den Jahren der Selbstwiederholung (und Selbstparodie wie auf Wiener Blut) etwas Neues wagt. Auch rücken, trotz der Schwierigkeiten bei der Texterstellung, die Lyrics wieder mehr in den Fokus – obgleich vieles unenträtselbar und experimentell ist, spiegelt hier jeder Song ungleich mehr Falcos Geist und Sprachstil wider als dies bei all den Bolland-LPs in den Jahren zuvor der Fall war. Falco geht auf diesen sprachlich-textlichen Fokus Jahre später ein, wenn er meint, dass das Album „völlig richtig war. Nur hätte zu meinen Texten keine Musik stattfinden sollen“.

Den gewählten Titel beschrieb Falco zur Veröffentlichung der LP so: „Groove, das ist Stimmung, Archaisches, Elementares, Urmenschliches, Warmes, Lebensgefühl, Bewegliches. Data, das ist Technisches, Kaltes, Elektronisches, Wissenschaftliches, Intelligentes. Es ist ein phonetisches Lautspiel, eine Gegenüberstellung von Synonymen, welche gar nichts bedeuten“, vielleicht kann man es noch mit „Computerschwingung“ oder „Geist in der Maschine“ vage übersetzen“. Vielleicht kommt die Meinung, dass es sich um ein Computerära-Konzeptalbum handelt, ja aus dieser Beschreibung, aber richtig nachvollziehbar ist dies weder musikalisch noch textlich.

Im Promotiontext, den die Plattenfirma für das Album erstellt hat und bei dem Falco mitgearbeitet haben dürfte, klingt das Ganze noch abgehobener: „Bewegung von Daten – Datengroove. Älteste Weisheit, höchste Philosophie, Kulturen, Religionen und neue Wissenschaft sind sich einig: Alles Leben beginnt mit einem Datengroove, einem ‚kosmischen Tanz‘ (Copra), einem ewigen Spiel von Ying und Yang, von Plus und Minus der Schöpfung. Im Anbeginn und, immer komplexer, bis in alle Manifestationen hinein, zu allen Zeiten… Data De Groove, das ist der Tanz der Lebensfreude. Data De Groove, das ist Musik, das ist der Groove der Daten in seiner besten Form. Was man erlebt, wenn man sich dem Data De Groove hingibt, das macht Falco mit seiner Musik spürbar. Falco ist Sprachgewitter ohne Standardformel. DiscOVER the groove“. Nun ja… Es ist wohl kein Wunder, wenn man zumindest die Vermarktung des Albums als esoterisch, abgehoben und weltfremd bezeichnet. Hier wird hoch gezielt und viele Fans und Kritiker werden beim Durchlesen solcher Aussagen und Texte wohl die Augen verdreht haben. Ewa Mazierska sieht übrigens im Titel auch eine ironische Referenz an die Kultur der Hippies, bei der das Wort „Groove“ einer der Schlüsselbegriffe war.

Auch das Coverdesign strahlt aus, dass es sich hier um ein Kunstwerk handelt, um etwas Hochwertiges, Elitäres. So sieht man auf der oberen Hälfte einen ironisch lächelnden Falco, eine Augenbraue sarkastisch hochgezogen, bekleidet mit einem gemusterten Hemd und Lederjacke. Nach dem Schriftzug mit dem Namen des Künstlers und dem Albumtitel (auf der Erstauflage der Vinyl-Ausgabe waren die Schriftzeichen ausgestanzt und mit einem durchsichtigen Muster bedruckt) wurde auf der unteren Hälfte des Covers ein weiteres Photo verwendet. Hier sieht man ebenfalls Falco, diesmal gefährlich in die Kamera schauend. Während aber das Photo oben unbearbeitet ist, wurde das Photo unten vielfach bearbeitet: teilweise erscheint es unscharf, teilweise werden andere Elemente (eine Kette von Falcos Lederjacke?) darübergelegt, an manchen Stellen wurde das Photo zerschnitten und mit Kratzspuren verändert. Auch ist das Photo unterhalb der Nase abgeschnitten und erscheint so unvollständig. Ewa Mazierska beschreibt in ihrem Buch Falco And Beyond das Cover so: „On the sleeve we see (Falco’s) head, from which another smaller head grows and, as we can guess, if the cover was to be extended, we would see another head coming out of the smaller one and so on. The face of the singer is smudged and scratched, fragmented, (as if) Falco could not give himself a coherent identity“.

Die Schriftfarbe des Künstler- und auch des Albumtitels sind bei den verschiedenen Versionen des Albums übrigens abweichend: bei manchen Ausgaben ist Falcos Name in violetter Schrift, der des LP-Titels in blauer Schrift gehalten, bei anderen Editionen wurde eine durchgehend graue Schriftfarbe gewählt.

Und wie um zu betonen, dass es sich bei diesem Werk um den Versuch handelt, das Album Junge Roemer in die Jetztzeit zu überführen, findet man auf der Rückseite des Albums auch wieder das kleine Logo, das an japanische Kalligraphie erinnert. Dieses war bereits auf Falcos zweitem Album von 1984 abgebildet und besteht aus zwei Zeichen, eines für „Blume“, eines für „Höhe“. Phonetisch ausgesprochen, klingen diese beiden Zeichen wie der Name „Falco“. Der Umstand, dass dieses Logo auch auf diesem Album verwendet wurde, legt aber auch den Schluss nahe, dass es sich um ein Symbol für die Zusammenarbeit zwischen Robert Ponger und Falco handelt.

Es ist übrigens das einzige Falco-Album, auf dem einzelne Songs in einer unterschiedlichen Laufzeit angeboten werden. So findet man auf der deutschen Erstauflage der CD längere Mixes von vier Songs. Diese ungeschnittenen Mixe befinden sich nur auf dieser CD und sind sonst auf keiner anderen Version des Albums erhältlich: Neo Nothing – Post Of All hat eine Laufzeit von 5:31 Minuten statt 4:45 Minuten, Charisma Kommando läuft 5:39 Minuten statt 4:47 Minuten, Tanja. P. Nicht Cindy C. endet nach 4:26 Minuten statt nach 3:35 Minuten und Data De Groove ist in seiner vollen Länge von 4:57 Minuten statt 4:38 Minuten enthalten. Das Aufspüren dieser seltenen CD-Version ist dabei nicht leicht, denn außer einer unterschiedlichen Matrix-Nummer, die auf der CD selbst angedruckt ist, deutet nichts auf einen Unterschied zur normalen CD-Ausgabe hin. Die längere Albumfassung weist dabei die Matrix-Nummer 903171818-2.2 RS auf, die normale Version 903171818-2 RSA). Warum längere Mixe der oben erwähnten vier Songs auf dieser mutmaßlichen CD-Erstauflage enthalten sind, ist unklar. Es könnte sich eventuell um in letzter Minute dann doch noch verkürzte Versionen handeln – vielleicht haben Ponger und Falco diese Songs ursprünglich länger abgemischt und haben diese Mixe bereits an Teldec zum Drucken der CD geschickt – und kurz darauf beschlossen, dass kürzere Versionen dann doch besser sind. Zu diesem Zeitpunkt war aber schon eine gewisse Auflage gedruckt und Teldec hat beschlossen, diese nicht zu vernichten, sondern einfach die Erstauflage (oder eine gewisse Anzahl in der Erstauflage) mit den ursprünglichen Mixes auszuliefern und die neuen, kürzeren Mixes erst bei den weiteren Pressungen zu verwenden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass es geplant war, für die CD-Version längere Mixes als für die Vinyl- und Kassette-Versionen zu verwenden. Eine Idee, die auch David Bowie 1987 bei seinem Album „Never Let Me Down“ realisiert hat und die darauf angelegt war, den Verkauf der (einträchtigeren, weil teureren) CD-Version zu pushen. Was auch immer die Gründe waren, für echte Sammler ist natürlich die Version mit den langen, ungeschnittenen Versionen ein echtes Must-have.

Und noch eine Anekdote: Nachdem Seymour Stein, Chef von Falcos amerikanischer Plattenfirma Sire Records, von dem Album entsetzt war und keinerlei kommerzielles Potential in ihm sah, wurde diese LP lediglich bei einem anderen Label, American Sound Records, veröffentlicht. Es erscheint naheliegend, dass auf diese Weise Sire Records zwar ihre vertragliche Verpflichtung, das Falco-Album in den USA zu veröffentlichen, einhalten, dies aber nicht auf ihrem renommierten Hauptlabel Sire tun wollte und daher zu diesem Trick griffen. Bei American Sound Records scheint es sich um ein Sub-Label zu handeln, es ist aber auch möglich, dass Sire auch einfach die Veröffentlichungsrechte an dieses Klein-Label verkaufte. Dieser Umstand dürfte Falco 1990 im Rahmen eines Bravo-Interviews (unter Alkoholeinfluss?) zu einer üblen und homophoben Schimpftirade gegen Seymour Stein bewogen haben, in dem er den homosexuellen Sire-Chef (der sich offiziell erst 2017 geoutet hat) als „schwule Qualle“ bezeichnete und meinte „Druck das! Ich lasse mich doch nicht pudern von dem, nur damit was weitergeht. Ich will mit keinen Arschlöchern mehr reden, das brauche ich nicht mehr“. Eines von Falcos schlimmsten Interviews…

Das Album wurde im Mai 1990 veröffentlicht, allerdings lediglich in den deutschsprachigen Ländern, in den USA und auch in Japan. Die Veröffentlichung in den beiden letztgenannten Ländern dürfte vertragsrechtliche Gründe haben, aus kommerzieller Sicht werden diese beiden Länder die LP wohl nicht verkauft haben. Dies aufgrund der Tatsache, dass Falcos sechste LP ein enormer Misserfolg war. Das Album platzierte sich lediglich in Österreich in den Charts und selbst da kam es über die Position 11 nicht hinaus, ein Megaflop, wenn man bedenkt, dass Falcos Alben in seinem Heimatland bis jetzt immer auf Platz 1 gelandet waren (mit Ausnahme von Wiener Blut, das sich auf #2 platzierte). Nachdem Falcos internationale Karriere 1988 mehr oder weniger beendet war, war Falco nun zwei Jahre später in der misslichen Lage, in welcher er sich eingestehen musste, dass er lediglich noch in Österreich einen gewissen Stellenwert besaß. Nicht einmal im Nachbarland Deutschland schaffte es das Werk in die Hitparade, und das, obwohl die Plattenfirma eine großangelegte Werbekampagne fuhr und das Album in aufwendig gestalteten Promo-Boxen aus Karton bewarb (Für Sammler: hier gibt es übrigens zwei Ausgaben, eine in der sich die Vinyl-LP befindet und eine andere, etwas dickere, in der sich zusätzlich auch noch die CD-Version befindet). Hatte Falco Anfang 1990, vor der Veröffentlichung des Albums noch gemeint „Jetzt spür ich überall die Stimmung ‚Falco is back in town‘. Ob ich dem traue? Ich habe mich noch nicht entschieden“, wurde ihm die Antwort nur kurze Zeit schmerzlich und unmissverständlich sowohl von Fans als auch von Kritikern gegeben.

Wobei das Schlimmste noch nicht mal die lauwarmen Kritiken waren – wesentlich gravierender war, dass das Album in der Presse großteils einfach ignoriert wurde. Die Handvoll Rezensionen waren aber auch nicht gerade berauschend, der Tenor war eher geprägt von Desinteresse. Die wenigen Kritiken waren gar nicht mal so schlecht. So schreibt der Musikexpress: „Geändert hat sich so gut wie nichts. Der österreichische Pop-Exzentriker bleibt sich und seinem teils gerappten, teils gerockten, meist aber betont dekadenten Wiener Schmäh auch (auf dem neuen Album) treu. Seine Liebe zum eigenen Ego ist womöglich auch der Grund dafür, warum er vornehmlich bei sich selbst abkupfert. Ungewohntes kommt lediglich auf Seite 2 (der Vinyl-Platte; Anm.)“. Die Bravo schreibt von einem „um 10 Kilo leichteren Falco, braungebrannt, ohne Tränensäcke und Hängebäckchen und Schwimmring in der Taillengegend“ und kürt das Werk zur LP der Woche: „Falco begibt sich zurück in die Nähe seiner Wurzeln und schlägt wieder härtere, funky Töne an. Die volle Stärke der LP entwickelt sich jedoch erst nach gründlichem Kennenlernen und Befassen“. Der Rennbahn-Express jubelt, dass „Falco wieder der Alte ist. Die Aussage der Texte ist viel und nichts, Phrasen und Klischees, die nach viel klingen und kaum was beinhalten. Das ist das, was Falco immer schon ausmachte“.

Falco selbst meinte 1990, dass das Album „perfekt an Ganz Wien und Der Kommissar anschließt. Robert Ponger ist der perfekte Katalysator für mich. Die jungen Leute erwarten von mir Haltung, ich kann gut oder schlecht drauf sein, ganze egal, nur echt muss ich sein“. In der Kronen-Zeitung spricht er davon, dass es „sehr leicht gewesen wäre, eine spekulative Sache zu machen. Aber die LP muss authentisch sein, weil ich glaube, dass man von einem, der so ein Profil hat wie ich, sehr persönliche Sachen verlangt. Ich kann zwar einmal schlecht sein, aber ich muss immer echt sein. In den letzten Jahren hat sich alles ein bisschen verwaschen“. Im Magazin Basta meinte er weiters: „Ich bin der erste weiße Schwarze. Mit der neuen LP kann ich mir erstmals leisten, was ich wirklich will. Der neue Sound ist wie die Innenarchitektur und die Mode der ‚Post Eighties‘ – anything goes. Kräftige Naturinformation in Synthese mit allem was ein Studio hergibt. Sicher meine authentischste Platte, sie ist der Nachweis meiner offenen Potentiale. Die LP ist der bestmögliche Kompromiss. Spekulative Dancefloor-Konstruktionen neben frischen, mutigen Songs, die Falcos Weg in die Zukunft erahnen lassen. Ponger ist der Beste. Weil er die kulturelle Authentizität hat“. Im Magazin Wiener freut sich auch Robert Ponger über die neuerliche Zusammenarbeit: „Es herrschte der Geist unserer ersten Produktionen, es war eine kreative Pause. Eine Stimmung, die die Einzelhaft des jungen Roemers fortsetzt, in die Neunziger projiziert“.

Horst Bork, Falcos Manager, meinte rund ein Jahr nach der Veröffentlichung des Albums, dass Falco damit wohl „übers Ziel hinausgeschossen habe. Es war zu flockig, zu frech“. Im gleichen Artikel ist Falco noch ein wenig beleidigt, wenn er meint, dass die Platte „die beste ist, die ich je gemacht habe. Wahrscheinlich ist sie zu intellektuell…“. Auch 1996 scheint Falco in einem Interview noch nicht ganz über die Kritik an diesem Album hinweg zu sein, wenn er zu Protokoll gibt, dass „die LP sehr gut ist. Aber leider: Ich muss ja nicht nur gut sein, sondern zumindest auch so viel verkaufen. Gut zu sein allein reicht euch ja nicht!“.

Einige Jahre später hat Falco dann diese LP doch auch wesentlich kritischer betrachtet, er sah vor allem die schwere Zugänglichkeit als zentrales Problem beziehungsweise als Grund für die Erfolglosigkeit des Albums: „(Es) war ein introvertiertes, sehr privates Album. Die Leute wollen nicht bei meinem Semester an der Universität teilnehmen, bis sie es verstehen. Ich habe mich ein bisschen in zu anspruchsvolle Wortspiele verstiegen“. Im Musikexpress bezeichnete er die LP 1992 als „konfuses, verschrobenes Album mit Kunstsprache und was-weiß-ich-noch-alles“. 1996 antwortete Falco auf den Vorwurf, dass sich die LP nicht gerade durch intellektuellen Tiefgang auszeichnet, mit „Doch, gerade dadurch! Das Album war völlig richtig, nur hätte zu meinen Texten keine Musik stattfinden sollten“. Ein klarer Verweis auf den Umstand, dass Falco während der Produktion der Platte mit seinen Texten eher in Richtung Literatur und Kunstsprache tendierte und später einsah, dass dies beim Publikum zu Verwirrung führt – ein Umstand, der ihm spätestens seit 1984 eigentlich bekannt gewesen sein dürfte, damals war der Misserfolg von Junge Roemer wohl auf die gleichen Gründe zurückzuführen. Ebenfalls 1996 deutete Falco in einem Interview mit dem Magazin News sein Missfallen mit den Erwartungen der Presse an seine Musik an: "Ihr (die Medien; Anm.) schreibt ja immer mit Vorliebe über den Flop des Albums. Dieses find ich aber sehr gut, leider Gottes. Nur hat man gesehen, welche Erfordernisse der Balance an mich gestellt werden, weil ich muss ja nicht nur auf der einen Seite gut sein, sondern auch auf der anderen gleichzeitig zumindest so viel verkaufen. Gut zu sein alleine, das reicht euch nicht".

Nach Falcos Tod bleibt die Wahrnehmung zwiespältig, vielfach werden positive Seiten des Albums gesehen, andererseits wird es aber nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch als gescheitertes Projekt gesehen. Der Kurier schreibt: „(Die Platte) ist ein viel zu zaghafter Versuch in die richtige Richtung: Elektro-Pop. Es ist das Album, das niemand mag. Dabei hat es sich gut gehalten. Falco versucht etwas ganz anderes. Und so ein Versuch ist bei einem Hit-Künstler meist ebenso ehrenwert wie aussichtslos. Verrätselte Texte, recht fein groovende Elektromusik, dennoch ein Karriere-Koma“. Das Libro-Magazin meint 1998: „Versöhnt und wiedervereint mit Produzent Robert Ponger versucht (Falco) ein zeitgemäßes Update von Junge Roemer zu fertigen. Alleine, die 80er Jahre sind vorbei. Und doch gebührt dem Falken Respekt: Es ist ein autobiographisches, künstlerisch bemühtes Unterfangen. Ein wackererer Versuch, sich nicht ein weiteres Mal nur selbst zu parodieren. Merke: nicht nur das Leben, auch der Pop ist grausam. Nichtsdestotrotz hätte sich (das Album) bessere Verkaufszahlen und weniger Kollegen- und Kritikerhäme verdient“. Der Falter sieht „einen kommerziellen Flop, eine eigenwillige Mischung aus dadaistischen Texten und dem Versuch, sich damals zeitgemäßer Elektronik zu nähern“ und sieht darin durchaus Reize. Wesentlich kritischer ist 2008 das Magazin Profil, es sieht Falco als „halbherzigen George-Michael-Epigonen mit lauwarmen Beats und einem Text am Rande der Selbstparodie“. 2019 betrachtet der Musikexpress „unbeholfene Versuche, sich der Zukunft zu nähern, auch die Rückkehr zu Robert Ponger ist keine Verjüngungskur“.

Aus der LP wurden zwei Singles ausgekoppelt, Data De Groove und Charisma Kommando. Der Titelsong wurde dabei ein paar Wochen vor dem Album veröffentlicht. Beide Singles erschienen nur in Österreich und Deutschland, in den USA wurde zumindest der Titelsong des Albums veröffentlicht (wohl hauptsächlich aus vertragsrechtlichen und weniger aus wirtschaftlichen Gründen). Zu beiden Songs wurden von Dolezal&Rossacher Videos produziert, beide sind nicht besonders originell. Rückblickend lässt sich sicherlich darüber nachdenken, ob es nicht bessere Kandidaten für Singles gegeben hätte: wenn man bedenkt, dass vor allem Data De Groove eine unenträtselbare Kunstsprache verwendet und für viele Fans eher abschreckend gewirkt hat, wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, einen konventionelleren Song als ersten Vorboten der LP herauszubringen. Falco hatte im Vorfeld davon gesprochen, dass er vier Singles auf dem Album sieht: Neben den zwei dann schließlich ausgekoppelten Songs nannte er dabei Neo Nothing – Post Of All und Alles im Liegen. Und in der Tat, wären wohl beide, vor allem der Album-Opener, eine bessere Wahl für zumindest die erste Single gewesen. Ich persönlich würde auch noch Pusher auf diese Liste der alternativen Single-Möglichkeiten nehmen, all diese Titel hätten über einen leichter zugänglicheren Text verfügt und hätten den Charakter des Albums besser eingefangen als Data De Groove und das doch eher (sowohl textlich als auch musikalisch) radiountauglichere Charisma Kommando.

Nach der Veröffentlichung der LP ist Falco nicht auf Tournee gegangen. Eine solche war nach dem Tour-Desaster von 1988 nicht geplant, Falco betonte zu dieser Zeit auch öfters, dass er nicht mehr live spielen wolle, unter anderem, weil er den Sound seiner Studioaufnahmen nicht ansatzweise kostendeckend in einem Live-Konzert abbilden könne; „Ich glaub, dass ich auf der Bühne eigentlich nichts verloren habe. Wenn ich die Platte 1:1 auf der Bühne umsetzen möchte, bräuchte ich einen Aufwand wie Michael Jackson“. Obgleich da sicher ein Funken Wahrheit dabei ist, muss man annehmen, dass Falco hier einen Grund vorgeschoben hat um nicht zugeben zu müssen, dass zu dieser Zeit (und bis zu seinem Tod) eigentlich kein Publikumsinteresse für eine Tournee vorhanden war.

Falco trat auch lediglich bei wenigen Promo-Terminen rund um die Veröffentlichung auf, auch das lag höchstwahrscheinlich an der fehlenden Nachfrage. Er erschien in der TV-Show „Ja oder Nein“ von Blacky Fuchsberger und performte dort Charisma Kommando, am Donauinselfest 1990 sang er in einem Playback-Auftritt Data De Groove. Mit diesem Song trat er auch auf die Bühne des Leipziger Open Air Tanz House Festival, es war sein erster Auftritt in der ehemaligen DDR.

Falcos sechstes Album ist das letzte, das er mit Robert Ponger aufgenommen hat. Nach dem Misserfolg war es wohl allen Beteiligten klar, dass aus dieser Zusammenarbeit vielleicht interessante Songs, aber definitiv keine Hits entstehen würden, Der Kommissar blieb die große Ausnahme, ein spontaner Geniestreich, der nicht mehr wiederholt werden konnte. Es ist offensichtlich, dass beide bei diesem Album die gleichen Fehler machten wie schon sechs Jahre zuvor bei Junge Roemer: es wurde ein Album produziert, auf dem teilweise recht gute Songs, teilweise aber auch wirklich schwache Füllersongs enthalten sind. Das an sich wäre ja noch nicht so schlimm, würde zumindest ein Hit mit dabei sein. Ein solcher ist aber auf diesem Album weit und breit nicht zu sehen und darin zeigt sich auch das Dilemma in Falcos Karriere: er wurde Zeit seines Lebens als Hit-Künstler und nicht als Album-Künstler wahrgenommen. Sobald Falco Alben ohne Hit aufgenommen hat (Junge Roemer, Data De Groove dienen hier als beste Beispiele) wurden diese vom Publikum abgelehnt. Und natürlich haben dem Album weder sein biederes und unorthodoxes musikalisches Gewand, noch die nichtssagenden, sprachexperimentellen Texte geholfen, diesen Umstand zu ändern.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Falco beim Auslaufen seines ersten Vertrags mit Gig Records anno 1985 in der günstigen Lage war, mit einem Welthit im Rücken (Rock Me Amadeus) einen neuen Vertrag abschließen zu können und nun, fünf Jahre später in der gegensätzlichen Situation war, dass er nämlich den größten Flop seiner Karriere produziert hatte und nun auf die Suche nach einer neuen Plattenfirma gehen musste.

Es ist das einzige Falco-Album, das nicht mehr im regulären Handel erhältlich ist, es wurde bereits ein paar Monate nach der Veröffentlichung vom Markt genommen, auf Online-Börsen werden daher Exemplare für einen Preis von mittlerweile mehr als 50 Euro gehandelt Die LP steht für Falcos größten Album-Flop, der Umstand, dass es sich lediglich für ein paar Wochen in Österreich in den Charts platzierte, bedeutete für Falco einen erheblichen Karriereeinbruch, auch sein Image als strahlender, erfolgreicher Popheld von internationaler Bedeutung verwandelte sich von diesem Zeitpunkt an in eine Wahrnehmung, bei der Falco lediglich noch als Ex-Popstar der gerade zu Ende gegangenen 1980er Jahre definiert wurde. Der Zeitgeist hatte Falco endgültig abgehängt. Und das obwohl er, wieder fit und erschlankt und mit einem bewusst schärferen Image an den Start ging. Die 80er waren vorbei und es schien, als hätten sowohl Publikum als auch Kritiker beschlossen, dass auch Falcos Zeit vorbei sein sollte. Das Album ist beileibe nicht Falcos schlechtestes – diese zweifelhafte Ehre teilen sich wohl recht eindeutig Out Of The Dark (Into The Light) und Wiener Blut– es klingt, wie alle drei Ponger-Alben heute noch wesentlich frischer als die Bolland-Alben, aber der Umstand, dass es sehr schwer zugänglich und auch die Musik nicht besonders aufregend ist, macht es zu Falcos wohl umstrittensten und am schwersten einzuordnenden Werk. Bei keiner anderen LP scheiden sich die Geister derart wie bei diesem: die einen lieben es und schätzen seine Authentizität, die anderen empfinden es als sperrige, ziellose und langweilige Anti-Hit-Kollektion.

Unbestritten ist, dass in diesem Album sehr viel Falco steckt, mehr als in allen anderen Alben die er zwischen 1985 und 1988 aufgenommen hat (Falco 3, Emotional, Wiener Blut). Umso tragischer ist es, dass die LP so negativ aufgenommen wurde. Die Platte ist ein Dokument, wie Falco sich selbst eingeschätzt und gesehen hat und es ist wohl dieses Werk, das so sehr nach seinen Wünschen gestaltet wurde, wie vielleicht nur noch Junge Roemer.

Beteiligte

Produced by Falco & Robert Ponger
Executive Producer: Robert Ponger
Recorded at Stereo West Studio Vienna
Recording Engineer: Christian Seitz
Assistent Engineer: Mr. Martl
Strings recorded at Union Studio Munich
Drums recorded at Pilot Studio Munich
Mixed at Livingston Studios London by Robert Ponger & Steve Taylor
Mix Assistent Enineer: John Mallison
Vinyl mastering by Achim Kruse at Chateau du Pape, Hambung
Digital mastering by Achim Kruse & Ralf Lindner at HAM Hamburg
Drums: Curt Cress
Guitars: Peter Weihe, Jens Fischer
Alto & Tenor sax: Wolfang Puschnig
Digital & analog Keyterminals: Robert Ponger
Additional keyboards: Peter Ponger
Background vocals: Victoria Miles, Jocelyn B. Smith, Andy Baum, Bernhard Rabitsch, Stefan Bidermann
Coverdesign: Lo Breier
Photography: Juergen Teller