Studio Album

Wiener Blut

August 1988
Teldec Record Service GmbH
Charts: #2 AUT, #9 GER, #12 SUI

Single-Auskoppelungen

Über das Album

Ende 1986 befand sich Falco nach dem Abschluss seiner Welttournee in Japan in einer schwierigen Situation: sein letztes Album Emotional war international unter den Verkaufserwartungen geblieben, das Verhältnis mit seinen Produzenten Rob und Ferdi Bolland war sowohl künstlerisch als auch menschlich deutlich abgekühlt, dazu gesellten sich persönliche und private Probleme. Dazu kam der Umstand, dass Falco zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere den Spaß an der Musik verloren hatte, das Jahr 1987 sollte daher auch im Zeichen der Realisierung von drei Filmprojekten stehen. Allerdings wurden weder „Der Goldmacher“, noch „Kommando Code 328“ gedreht, und auch eine Kinoadaptierung der Serie „Kottan Ermittelt“ mit Falco in der Hauptrolle kam nie zustande.

Und so begann das Jahr 1987 mit der Einspielung des Songs Welcome To Japan, einer Nummer für das Album seines Tour-Drummers Curt Cress in dem Falco die Guest Vocals übernahm. Ebenfalls zu Beginn dieses Jahres wurde an Falco die Idee herangetragen, doch ein Lied von Giorgio Moroder im Rahmen eines Duetts mit der dänischen Schauspielerin Brigitte Nielsen aufzunehmen. Diese war durch ihre kurze Ehe mit Sylvester Stallone bekannt geworden und versuchte zu dieser Zeit, ihre Gesangskarriere zu starten. Das Vorhaben nahm jedoch nur sehr langsam und ohne echte Begeisterung von Seiten Falcos Fahrt auf, der Song, der später Body Next To Body heißen sollte, war zu diesem Zeitpunkt wenig mehr als im Planungsstadium.

Gleichzeitig begannen Falco und sein Management, Pläne für das nächste Album zu schmieden. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem bisherigen Produzententeam Rob und Ferdi Bolland erschien vor dem Hintergrund, dass einerseits erste Abnutzungserscheinungen zu erkennen waren, andererseits auch erste Demos aus Holland keine Begeisterung bei Falco auslösten (Falco: „Da war ein Lied dabei mit dem seltsamen Titel „Rap-Rap-Rhapsody“, mir hat es gleich die Ohren angelegt. Ich wäre Gefahr gelaufen, mich in einer gewissen Selbstherrlichkeit zu wiederholen“), nicht zielführend. Auch der Umstand, dass die Bollands ihre eigene Karriere forcierten und vorab vertragliche Zusagen einforderten, dürften zu der Entscheidung geführt haben, für Falcos fünfte LP neue Produzenten und Songschreiber zu suchen.

Die Wahl fiel dabei auf Gunther Mende und Candy DeRouge, die kurz zuvor für Jennifer Rush den Welthit „The Power Of Love“ geschrieben hatten. Falco war von diesem Song begeistert und so wurde Anfang 1987 ein erster Kontakt zu den beiden geknüpft. Zuvor hatten die beiden Frankfurter Produktionen im Umfeld des deutschen Schlagers verantwortet, nach dem Erfolg mit Jennifer Rush, arbeiteten sie auch für Sally Oldfield und Bonnie Bianco. Falcos Interesse an Musik und auch am Verfassen von Texten war zu dieser Zeit an seinem Tiefpunkt angelangt und so war es bei dieser Zusammenarbeit auch vorrangig wichtig, das aus Bolland-Zeiten bewährte Prinzip, dass die Songwriter und Produzenten sowohl die Musik als auch erste Textvorschläge liefern sollten, weitergeführt wurde. Falcos Plattenfirma war von der Wahl der neuen Produzenten nicht begeistert, eine Vorahnung, die sich bald bitter bewahrheiten sollte.

Man kann nicht von der Hand weisen, dass diese Zusammenarbeit unter schlechten Vorzeichen begann: nicht nur erschienen schon damals Mende und DeRouge nicht gerade als Produzenten, die in der Lage wären, in Falcos Stil zu schreiben beziehungsweise seine Stärken herauszuarbeiten und neue Hits zu produzieren. Von der Schlager-Produktion kommend, betreuten sie vorwiegend neue, noch unbekannte Künstler, wohingegen Falco ein bereits etablierter Star von Weltrang war. Auch schrieben sie vorwiegend getragene Balladenmusik und produzierten Frauenstimmen. Sehr gut fasst die Einstellung von Mende und DeRouge auch ein Zitat aus dieser Zeit zusammen: „Wir haben uns Pop und Kommerz ausgesucht, um Geld zu verdienen. (…) Irgendwelche Ansprüche auf Kunst haben wir nie gehabt. Wohlfühlen, Harmonie und Schönklang sind ja nicht unbedingt Begriffe, die man mit Gewalt aus der Musik drängen muss“.

Allerdings muss man auch betonen, dass auch Falco und sein Management Wünsche an diese Zusammenarbeit hatten, die nicht nur nachträglich, sondern bereits damals als völliger musikalischer und strategischer Irrweg betrachtet werden müssen: So sollten die neuen Songs „einen halben Schritt hin zum Mainstream“ machen, die Lieder sollten von mehr Melodie und weniger Rap getragen sein und grundsätzlich sollte das neue Falco-Album deutlich kommerzieller und radiotauglicher sein und an Ecken und Kanten verlieren. Man fragt sich, wie Falco und sein Management auf diese Neuausrichtung kommen konnten – der logische Schritt in dieser Phase von Falcos Karriere wäre vielmehr gewesen, die Musik und auch das Image wieder zur Schärfe, zum Schmäh, zu den Kontroversen seiner bisherigen Erfolge zurückzubringen. Niemand wollte einen Falco, der weichgespülten Rock-Schlager vorträgt.

Nachdem Mende und DeRouge einen ersten Song namens Walls Of Silence als Blaupause für die geplante Zusammenarbeit vorgelegt und damit Begeisterung bei Falco ausgelöst hatten, wurde von Falcos Plattenfirma die Vertragsdetails geklärt und man ging daran, in Frankfurt im Studio von Frank Farian, das Album zu produzieren. Im Laufe des Jahres entstanden dabei neun Titel, das geplante Album sollte „Aya“ heißen (wie die letzten drei Buchstaben der geplanten ersten Single Sand Am Himalaya; alternativ könnte man aber auch an das Album „Aja“ von Steely Dan oder auch an eine Sure aus dem Koran mit dem Namen „Āya“ denken).

Weil um dieses von Mende und DeRouge geschriebene und produzierte Album über die Jahre hinweg viele Legenden gewoben wurden und die Mehrzahl der dafür produzierten Songs erst nach Falcos Tod auf kompilierten Alben (Verdammt Wir Leben Noch, 1999 beziehungsweise The Spirit Never Dies, 2009) veröffentlicht wurden (dazu später), macht es Sinn, an dieser Stelle kurz innezuhalten und einen gesammelten Überblick über diese Songs zu geben. Folgende neun Nummern wurden 1987 im Rahmen der Zusammenarbeit für das damals geplante Album „Aya“ produziert: Read A Book, Walls Of Silence, Solid Booze, Sand Am Himalaya, Que Pasa Hombre, Poison, Nuevo Africano, Kissing In The Kremlin und The Spirit Never Dies. Diese neun Songs wurden Ende 1987 fertig produziert und waren als Falcos neues Album mit einem Veröffentlichungstermin zu Beginn 1988 geplant.

Gleichzeitig mit der Fertigstellung des geplanten Albums wurde bereits im Dezember 1987die Single Body Next To Body, das Duett mit Brigitte Nielsen, veröffentlicht. Zwar gab es im Vorfeld Überlegungen, diesen Song mit auf das Album zu nehmen, da der Song jedoch musikalisch nicht zum Rest der Nummern gepasst hätte, nahm dann von dieser Idee schnell wieder Abschied.

Als man die neun Songs von „Aya“ dann Anfang 1988 den Verantwortlichen von Falcos Plattenfirma präsentierte, war die Reaktion darauf nicht unbedingt euphorisch. Man war nicht besonders angetan von der neuen musikalischen Richtung und diesem neuen Falco, zudem war man der Meinung, dass sich unter den Liedern kein Hit befand und lehnte es ab, das Album in dieser Form zu veröffentlichten. Lediglich vier der Songs wurden akzeptiert (Read A Book, Walls Of Silence, Solid Booze und Sand Am Himalaya), diese wollte man allerdings neu abmischen, der Rest des Materials wurde rundweg als nicht gut genug abgelehnt.

Was auf diese Entscheidung folgte war ein Streit hinter den Kulissen, ein Tauziehen um Rechte und Lizenzen und die Verwendung der Masterbänder der Aufnahmen der Songs von Mende und DeRouge. Die beiden Produzenten wollten ihre Songs nicht bearbeiten und neu abmischen lassen und gingen vor Gericht, um das Material nicht herausgeben zu müssen. Erst als Falcos Management mit einer gerichtlichen Verfügung zur Herausgabe der Masterbänder konterte, wurden die Tapes an die Plattenfirma übergeben. Gleichzeitig gingen Mende und DeRouge an die Presse und beklagten sich wortreich über dieses „kranke Wiener Hirn, das uns sieben Monate im Glauben lässt, dass alles toll ist und das dann plötzlich, aufgrund von Dingen die in seinem Kopf passieren oder auch nicht, nicht mehr zufrieden ist. Wir haben es mit einem völlig hirnrissigen, kranken Fuzzi zu tun.“ Falco hingegen kommentierte den Wirbel bemüht cool: „Die Lieder waren mir nicht gut genug. Wenn Prince ein Platte einstampfen lassen kann [das „Black Album“; Anmerkung], kann ich das auch. Ich bin sehr resolut meinen Willen durchzusetzen. Auch wenn das sehr viel Geld kostet.“ Apropos Geld: erst Jahre später wurde der Rechtstreit mit Mende und DeRouge beigelegt, Falcos Plattenfirma zahlt schließlich ein Honorar für entgangene Lizenzrechte.

Während dieser Streit medial ausgefochten wurde, kontaktierte Falcos Management seine ehemalige Produzenten Rob und Ferdi Bolland mit der Bitte, für das halbfertige Album weitere neue Songs zu schreiben. Nach einer kurzen Nachdenkphase (in der beide wohl auch das finanzielle Potential einer neuerlichen Zusammenarbeit sahen) willigten die Bollands ein, unter der Bedingung, dass nur Nummern, die von ihnen geschrieben werden, als Singles ausgekoppelt werden dürfen – kein Problem, war unter den Songs von Mende und DeRouge ja ohnehin kein potentieller Hitkandidat.

Und auch an anderen Fronten wurde neues Material lukriert: so produzierte Falco (naja, wohl nur am Papier), Mal Luker und Louis Rodriguez eine Cover-Version eines alten Steely Dan-Klassikers namens Do It Again. Die Idee für diese Aufnahme stammte von Seymour Stein, dem Chef von Falcos amerikanischer Plattenfirma Sire Records. Falco war von diesem Vorschlag recht angetan, kannte er diese Nummer doch schon seit seinen Tagen bei Spinning Wheel, wo dieser Klassiker live gespielt wurde. Dass der zweite Vorschlag von Seymour Stein, das alte Wienerlied, „Brüderlein Fein“ in einer abgedrehten Falco-Version aufzunehmen, keine positive Reaktion fand, kann man sicherlich verschmerzen.

In der Zwischenzeit schrieben und produzierten die Bollands innerhalb von drei Monaten neue Songs für das nun unter dem Titel Wiener Blut firmierende neue Album. Dabei kam es beim finalen Abmischen der Songs noch zu einem unrühmlichen Tiefpunkt, als Falco, nachdem er betrunken und laut schimpfend ein Glas gegen die Aufenthaltsraumwand im Studio geworfen hatte, von Rob Bolland hochkant aus dem Gebäude geworfen wurde.

Schlussendlich hatte man insgesamt elf Titel produziert: auf der ersten Seite des Albums (ja, damals dachte man noch in Vinyl-Logik) befanden sich die sechs Bolland-Titel, auf die zweite Seite kamen die vier von der Plattenfirma akzeptierten Songs von Mende und sowie der Steely Dan-Coversong Do It Again.

Zusammenfasend ist damit Wiener Blut sicher das Falco-Album mit der längsten und schwierigsten Produktionsvorgeschichte. Auch ist es das einzige Album, für das Falco mit zwei Produktionsteams zusammengearbeitet hat. Die Art und Weise des Zustandekommens sowie die spezielle Phase in Falcos beruflichem und privaten Leben hatten zur Folge, dass auch dieses Album mehr die Handschrift seiner Produzenten und Songwriter tragen würde als die von Falco selbst.

Der Umstand, dass Falco weder bei der Produktion der Songs von Mende und DeRouge, noch bei der Realisation der Songs der Bollands deutlich in den Entstehungsprozess eingriff, trug dazu bei, dass diese LP noch weniger Beitrag von Falco aufweist als das ohnehin auch schon recht fremdbestimmte Album Emotional. Gab Falco zumindest für das geplante Album „Aya“ noch zumindest eine musikalische Neuorientierung vor, so sind die Songs der Bollands eindeutig als gewohnte, durchschnittliche Normalkost zu bezeichnen.

Auch textlich ist Falco selten wirklich wahrnehm- beziehungsweise erkennbar: bei vielen Songs wirkt es so als seien die meisten Texte von den Vorschlägen der Produzenten übernommen. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass auch auf diesem Album Gerd Plez textliche Hilfestellung leistete. Die Behauptung von Falcos Manager Horst Bork, er habe Teile der Texte geschrieben ist jedoch auch an dieser Stelle wenig glaubhaft. Falcos geringer Beitrag ist allein daran zu erkennen, dass er bei drei Songs überhaupt keine Texte geschrieben hat (Untouchable, Garbo, Do It Again) und bei vielen anderen nur wenige Worte. Allein die Nummern Wiener Blut, Satellite To Satellite und Sand Am Himalaya scheinen größere Textbausteine von Falco zu enthalten. Warum der Song Solid Booze Falco als alleinigen Textautor aufführt, ist unklar, der Text scheint viel eher einer dieser 08/15-Lyrics zu sein, die als Vorschlag von Falcos Produzententeam geliefert wurde. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass Falco auf vielen Songs (Wiener Blut, Tricks, Sand Am Himalaya, Do It Again) ein fast schon automatisiertes Lachen abruft, es ist kein herzliches Lachen, sondern vielmehr ein verzweifelt auf gute Laune machendes, zynisch-spottendes Gelächter. Es scheint eine Art Schutzschild für Falco in dieser Zeit gewesen zu sein, man sieht und hört dieses Lachen auch in Interviews und Videos dieser Zeit.

War Falcos künstlerische Absenz auf Emotional vielleicht noch ein Faktor, um das Album homogen klingen zu lassen, fällt dieser Vorteil hier weg: aufgrund der zwei Produzenten-Teams klingt das Album zweigeteilt, nicht zusammen- sondern vielmehr in der Luft hängend. Auch der Umstand, dass Falco während beider Aufnahmephasen lieber in Wien bei Frau und Kind als im Studio sein wollte, klingt nicht nur bei den Songs selbst, sondern auch beim gesamten Album (Coverphotos, Vermarktung etc.) leider mehr als überdeutlich durch.

Die Zusammenarbeit mit zwei Produzenten-Teams wirkt sich natürlich auch auf die musikalische Gestaltung des Albums aus. Während die Bolland-Songs gewohnt flott daherkommen, verströmen die Songs von Mende und DeRouge eher das Flair von besinnlich-schwülstigen Rock-Schlager.

Die Bolland-Nummern schwanken zwischen rockigem Pop (Wiener Blut, Untouchable), perkussionlastigen Nummern (Falco Rides Again, Tricks), Bomb (Garbo) und synthesizergetragenen Liedern (Satellite To Satellite). Keiner der von den Bollands komponierten Songs mit Ausnahme der ersten Single Wiener Blut hat wirklich Hitformat oder erreicht die locker-verspielte Qualität früher Arbeiten. Auch ist auffällig, dass bei sämtlichen Nummern Falcos Stimme sehr im Mix versteckt wurde, der Sound klingt wie ein Einheitsbrei, wahrscheinlich auch, weil der gesamte Prozess von Schreiben und Produzieren in drei Monaten erledigt sein musste.

Die Nummern von Mende und DeRouge nehmen deutlich einen Gang raus, es sind langsamere Songs, mit weniger typischem Falco-Sprechgesang. Einzig Solid Booze ist ein bisschen schneller und inkludiert in den Strophen dieses Gestaltungselement. Der Rest sind nahe am deutschen Schlager geparkte Balladen. Durch die Zusammenarbeit mit zwei Produzenten-Teams wirkt das Album musikalisch heterogen, auf der Vinyl-Version fanden sich die Bolland-Songs auf der ersten, die Mende/DeRouge-Nummern auf der zweiten Albumseite.

Anzumerken bleibt, dass von den Songs die Mende und DeRouge geschrieben haben, lediglich Solid Booze und Sand Am Himalaya in der Originalabmischung von 1987 auf dem Album Wiener Blut erschienen sind. Die anderen beiden Lieder aus dieser Session (Read A Book und Walls Of Silence) wurden laut dem Album-Booklet 1988 von Falco remixt (wobei anzunehmen ist, dass er hier sicherlich produktionstechnisch Hilfestellung bekommen hat, Falco war kein Profi im Studio).

Aufgrund der Heterogenität des Albums, beziehungsweise aufgrund der vielen Personen, die daran mitgewirkt haben, gibt es bei diesem Album keinen thematischen Bogen über die darauf enthaltenen Songs. Nicht, dass Falco jemals bewusst ein Konzeptalbum gemacht hätte, aber hier liegt nicht mehr als eine Sammlung von einzelnen Songs vor, die inhaltlich wenig gemein haben.

Das Lokalkolorit, das im Titelsong suggeriert wird, kommt im Rest des Albums nicht mehr vor, vor allem die Bolland-Songs behandeln alle ein unterschiedliches, teilweise sehr oberflächliches Thema. Aufgrund des geringen Beitrags von Falco zu den Texten ist dies auch kein Wunder. Die Nummern von Mende und DeRouge hingegen haben sehr wohl einen thematischen Zusammenhang, es sind fast alles Liebeslieder. Das Falconizing, also der Textbeitrag von Falco, scheint hauptsächlich darin zu bestehen, seine problematische Beziehung mit seiner Ehefrau Isabella (die beiden heirateten zwar im Juni 1988 während eines Urlaubs in Las Vegas, ein Ende der dauernden Streitigkeiten war dadurch aber dennoch nicht in Sicht) abzubilden. Dementsprechend verzweifelt und resignativ wirken diese Songs daher. Einzig Sand Am Himalaya versprüht noch ein bisschen das Flair früherer Falco-Songs, es reiht sich ein in seine Zeitgeist-Songs wie Helden Von Heute oder auch Les Nouveaux Riches.

Insgesamt wirkt das Album wie ein Bauchladen, zusammenhanglos steht hier ein Song neben dem anderen, auch das Tracklisting, der Flow des Albums spiegelt dies wider. Es ist nicht mehr als die willkürliche Ansammlung von Songs, die 1987 und 1988 mit unterschiedlichen Produzenten erarbeitet wurden. Nichts ist mehr zu hören von der Magie früherer Alben, diesem faszinierenden Element, das Falco-Songs zu etwas Besonderem, Einmaligen, von anderen Liedern Unterscheidbarem gemacht hat. Oft wurde später die Phrase von „Genie und Wahnsinn“ für dieses Album bemüht, für die meisten Kritiker und auch Fans schlägt hier das Pendel aber eindeutig öfter zu Letzterem hin aus.

Die schwierige Situation, in der sich Falco 1988 befand (er selbst sprach Jahre später von seinem „absoluten Tiefpunkt“), spiegelt sich auch in den Photos wider, die für das Cover des Albums gemacht wurden. Es zeigt einen müden, lustlosen, übergewichtigen Falco, das Photoshooting fand auch nicht in einem professionellen Studio, sondern in Falcos Hotel in Holland statt. Im Vorfeld wurde der Phototermin oft abgesagt, weil Falco entweder alkoholisiert war oder keine Lust hatte. Die dann doch entstandenen Photos zeigen Falco ganz in Schwarz, mit Sonnenbrille, Sakko und einer weiten Hose mit roter Linie. Er wirkt auf diesen Photos gelangweilt, aufgedunsen, aufgequollen und angeschlagen. Falco sitzt beim für das Frontcover verwendeten Photo auf einem Sessel im Hotel, daneben ein Wandtisch und ein Spiegel, am Sessel daneben lehnt eine Bassgitarre an der Wand – ein Scherz, wenn man bedenkt, dass Falco schon lange kein Instrument mehr auf seinen Alben gespielt hat. Das Bild ist im Nachhinein bearbeitet, es wurde gedoppelt und das Farbspektrum wurde ins Gelbe verschoben. Links oben sieht man den Schriftzug des Künstler- und des Albumnamens (der mit einem an eine Handelsgilde erinnernden Logo kombiniert wurde). Auf dem Backcover sieht man ein rund gestaltets Photo von Falco mit seiner Ehefrau Isabella. Dabei ist anzumerken, dass es auf manchen Ausgaben des Albums ein alternatives Photo der beiden gibt: auf der normalen Version schauen Falco und Isabella (die einen Kopf größer ist) in die Kamera, auf dem abweichenden Photo (das unter anderem auf einigen CD-Version verwendet wurde), sehen sich beide in die Augen. Das Photo ist in beiden Ausführungen seltsam kalt und spiegelt wohl sehr gut die Atmosphäre und die Stimmung der beiden Ehepartner wider.

Die Ornamentierung und die Schrift auf der Rückseite des Albums ist von Version zu Version verschieden, mache Alben verwenden eine graue, manche eine hellblaue, andere eine fast schon schwarze Umrandung des Photos. Auch die Schriftfarbe weicht ab, manchmal wird für die Songtitel rot, manchmal weiß verwendet. Ebenso unterschiedlich ist die Farbe für die Laufzeiten hinter den Titel, bei manchen Ausgaben des Albums ist sie weiß, bei anderen ist sie grau.

Übrigens: bei der Promo-Veröffentlichung der Single Wiener Blut konnten die belieferten Händler im Rahmen einer Umfrage unter drei Arten der Covergestaltung auswählen. Neben dem schlussendlich verwendeten Design wurde auch eines mit rotem, nachträglich eingefügtem Vorhang links und rechts beziehungsweise eines mit goldenen Linien rund um das Photo und abweichender Schriftart angeboten. Es wirkt jedoch so, als sei das nur ein Promo-Gag gewesen, zu hässlich sind die alternativen Gestaltungen. Auch der Umstand, dass wohl kaum noch Zeit für eine demokratisch entschiedene Covergestaltung gewesen wäre, spricht für diese Theorie einer reinen Marketingaktion.

Nach Falcos Tod wurde das Album in Österreich auf CD wiederveröffentlicht, allerdings wurde hier das Coverdesign dahingehend verändert, als das der Schriftzug mit dem Namen des Künstlers und der Albumtitel vergrößert und zentral ins Coverbild gestellt wurden (einen Re-Release mit ähnlichen Designänderungen gab es zum gleichen Zeitpunkt auch von Falcos viertem Album Emotional).

Das ursprünglich unter dem Namen „Aya“ konzipierte Album, das zunächst im März 1988 erscheinen sollte, wurde schließlich nach der mühsamen Entwicklungsgeschichte im August desselben Jahres unter seinem jetzigen Namen veröffentlicht. Es erschien aufgrund des gültigen Vertrags auch in den USA und in Japan, aber nicht mehr in Großbritannien. Aufgrund seiner (für damalige Verhältnisse) lange Abwesenheit vom Markt bewarb Falco das Album in den deutschsprachigen Ländern stark, er trat in vielen Talkshows und Radiosendungen auf. Das Album wurde als Comeback vermarktet und man sah sowohl in der Presse als auch in der Stimmung auf der Straße, dass Falco erstmals in seiner Karriere dem Zeitgeist schon etwas nachhinkte.

In Österreich, Deutschland und der Schweiz platzierte sich das Album durchaus ansprechend in den Charts (#2, #9 und #12), in anderen Ländern, sofern es überhaupt veröffentlicht wurde, floppte es jedoch. Das ist aufgrund des deutschen Albumtitels und dem Ausbleiben von internationalen Hits nicht besonders überraschend, es bedeutete jedoch den endgültigen Abschied Falcos vom internationalen, über die deutschsprachigen Länder hinauswirkenden Superstar.

Von Fans und Kritikern wurde das Album recht negativ aufgenommen. Grundsätzlich herrschte 1988 eine Stimmung, in der Falco kritisch gesehen wurde. Das letzte Album Emotional hatte die Qualität der ersten drei Alben vermissen lassen und wurde von vielen weniger als Falco- denn als Bolland-Werk wahrgenommen. Das neue Album wurde mit mäßigem Interesse aufgenommen, es herrschte die Meinung vor, die Bolland-Songs seien nichts Neues und schwächer als bisherige Songs, die neue Richtung der Lieder von Mende und DeRouge wurde grundsätzlich als Irrweg wahrgenommen.

Auf dieses Meinungsklima ging etwa das österreichische Monatsmagazin Basta ein, wenn es schreibt, dass „bei Presse und Fans ein schläfriger Konsens besteht, dass (das Album) nichts Besonderes sei, nichts Neues biete“. Untypisch für die grundsätzliche Rezension ist die Feststellung, dass das Album „die beste LP seit Junge Roemer ist. Das Album ist in zwei Fraktionen geteilt: in diesen schrillen, fahrenden, technisch perfekten Bolland-Pop und in beschwörende Discoweisen und besinnliche Balladen aus der Mende/DeRouge-Küche. Gleichgut auf allen Titeln sind die Texte, Falco besitzt eine textschreiberische Brillanz, die ihn zum Jandl (der heutigen Zeit) macht. Solange Alben wie Wiener Blut herauskommen, sind alle Krokodilstränen (um Falco; Anmerkung) zu früh vergossen“. Gleichzeitig wird kritisiert, dass das Album eine miserable Klangqualität hat und „einfach unterirdisch schlecht klingt.“

Auch der Musikexpress sucht nach positiven Dingen: „Falco schlenzt sich (mit der Hilfe von drei verschiedenen Produzenten-Teams, die der Abwechslung im Klangbild durchaus guttun) mit impertinentem Selbstverständnis durch Disco, Pop, Rap und verbindet den Stil-Salat durch die freche Arroganz seiner Stimme und die ihm eigene Melange aus Deutsch, Englisch und Wienerisch in seinen Texten“. Die Songs der Bollands werden als „poppiger, bewährter Sprech-Rap, hier gesampelt, dort getriggert, geschickt abgekupfert“ beschrieben, ihre „starke Seite sind eindeutig die Rhythmen“. Die Nummern von Mende und DeRouge besitzen dagegen „eine schwülstige Wucht, wagnerianisches Bombast-Arrangement und zielen auf Erfolge in den USA-Charts.“ Es wird festgehalten, dass „egal ob einem der Falco-Schmäh passt oder nicht, man kann sich seiner Faszination nicht entziehen. Falco ist der einzige deutschsprachige Popstar von internationalem Niveau.“

So positiv waren beileibe nicht alle Kritiken der damaligen Zeit. So ist der Rennbahn-Express schon deutlich reservierter, wenn er schreibt, dass die Mende/DeRouge-Songs „keine beinharten Kommerzrefrains wie bei den Bollands“ sind und „viele Melodien und Textstellen“ dennoch im Ohr hängen bleiben. Für das Magazin Wiener erscheint das Album wie der „jüngere Bruder“ von Emotional, auch fällt der Umstand auf, dass das Album „sehr wienerisch“ ist.

Die internationale Presse war, traditionellerweise, recht kritisch und abweisend: so schreibt der Tower Press Record Guide: „The relatively restrained side written and produced by the Bollands dispenses with the kitchen sink, leaving Falco to carry on gurgling over chattering dance tracks that more or less mind their manners. Of course, the material is utterly insane (…) Falco actually attempts to sing on the album’s second side, which takes clumsy aims at soul, power balladry and other uncharacteristic styles.“

Auch das englische Musikmagazin Q ist nicht wirklich begeistert: „Bombastic yet oddly likeable, having a most Austrian ear for the English language, Falco is the Arnold Schwarzenegger of pop. One must regretfully conclude that (this album), being more of the same, won’t rectify his dismaying absence from our charts. Falco is a one-trick pony who thinks he is a race horse, (he) is the king oft he oompah-Eurodisco. At least, he’s not boring.“

Das Album ist schlecht gealtert, was man auch an den Meinungen merkt, die nach Falcos Tod in der Presse über dieses Album publiziert wurden. Für den Kurier war das Album in einer Kritik kurz nach Falcos Ableben „der unendlich öde Versuch, die „Genie und Wahnsinn“-Kiste nochmals zu öffnen. Erstmals ist nicht da, wo er ist, vorne. Der Bus mit dem Trend ist schon weitergefahren. Songs zum Teil gar nicht schlecht, aber das Ganze wirkt wie der verzweifelte Versuch, die guten alten Zeiten festzuhalten. Ein Album, das wie der Gastgeber einer langweilig gewordenen Party klingt: Gehts noch nicht – es wird sicher gleich wieder total lustig!“.

Im Libro-Magazin wird das Album als „lauer, über weite Strecken praktisch unhörbarer Aufguss vergangener Großtaten“ beschrieben. „Beeinflusst von Falcos immer heftigeren privaten Turbulenzen und Krisen, strapaziert es Klischees bis an die Grenze des Erträglichen“.

2007, zu Falcos 50. Geburtstag, wird das Werk ebendort als „verdienter Karriereknick“ bezeichnet. „Es ist nicht zu überhören, dass Falco mit aller Gewalt wieder an die Spitze der Charts wollte. Dafür schien er alles in Kauf zu nehmen“. Auch die „überdrehte, niveaulose Art der Darbietung“ wird kritisiert. Der Musikexpress konstatiert, dass Falco zu jener Zeit „keine Ideen“ mehr hatte. Auch für die Wochenzeitung Falter ist es kein gutes Falco-Album, „es hängt orientierungslos in der Luft“.

Falco selbst versuchte natürlich das Album bei der Veröffentlichung zu verteidigen, er meinte, dass „eine Seite wie gehabt bei Bolland & Bolland produziert wurde, ich nenne diese Musik „High-Tech-Pop“. Doch die andere Seite ist etwas unverkennbar Neues“. Ein Jahr später meinte er jedoch schon, dass er „mit (dem Album) textlich und ideologisch hoch zufrieden“ ist, „musikalisch jedoch nicht. Ich war blauäugig, alles was ich mit (Mende und DeRouge) versucht habe, war einmal anders zu klingen. Hätte ich die Musik selbst in die Hand genommen, anstatt mich auf die Produzenten zu verlassen, wäre das Ergebnis besser gewesen.“. Eine Einschätzung, die man wohl nicht unkritisch übernehmen sollte – schließlich war die Zeit 1987/88 eine Phase, in der Falco textlich gar nichts eingefallen ist und er sehr wenig Input zu den Songs geliefert hat. Und dass Falco nicht unbedingt der begabteste Songschreiber gewesen ist, dürfte wohl auch jedem klar sein, der Songs wie Without You gehört hat…

Später hat Falco dieses Album dann sehr realistisch eingeschätzt. 1990 sprach er von einer „Entstehung auf dem Postweg, einer Vertragserfüllung, ich hatte keinen Spaß mehr an der Musik und das hat sich auf das Publikum übertragen.“. In einem Interview kurz vor seinem Tod sprach er davon, dass „1988 der Tiefpunkt“ war, „86 Kilo, 2 Flaschen Whiskey am Tag, Tournee-Absage, eingefallen ist mir auch nix und mittelmäßig ist bei mir leider viel zu wenig“.

Aus Falcos fünftem Album wurden drei reguläre Singles und eine Promo-Single ausgekoppelt. In Europa wurde der Titeltrack Wiener Blut als erste Auskopplung kurz vor der Veröffentlichung des gleichnamigen Albums ins Chartrennen geschickt. Als zweite Single wurde dann Ende 1988 in den deutschsprachigen Ländern noch Satellite To Satellite herausgebracht. Während die erste Single sehr gut lief, konnte sich die zweite (trotz eines Auftritt Falcos in der sehr populären TV-Show „Wetten, dass…“ nicht in der Hitparade platzieren. In den USA (wo man mit der Single-Auswahl nicht zufrieden war und lieber Tricks beziehungsweise Garbo) als erste Single gesehen hätte, wurde Wiener Blut nur als 12“ Promo veröffentlicht. Dafür wurde für Do It Again, die Coverversion des Klassikers von Steely Dan, den der Chef von Falcos amerikanischer Plattenfirma, Seymour Stein, als Songidee für das Album vorgeschlagen hatte, nochmals tief in die Budgettasche gegriffen: die Nummer wurde als 12“ in den USA veröffentlicht, der damals sehr angesagte Remixer und Produzent Shep Pettibone (der für seine Zusammenarbeit mit Madonna, den Pet Shop Boys und vielen anderen bekannt ist) wurde beauftragt, für diesen Release Remixes anzufertigen. Schlussendlich half das aber auch nicht, die Single konnte sich weder in den Billboard- noch in den Dance Charts platzieren. In Frankreich wurde Garbo als Promo 7“ veröffentlicht, wohl weil dieser Song einige französischsprachige Textzeilen enthält. Im Nachhinein kann sicher überlegt werden, ob nicht in der Tat der Titel Tricks eine bessere Wahl für die zweite Single gewesen wäre (oder für eine dritte Auskopplung). In Frankreich wurde Garbo als Promo-7“-Single ausgekoppelt.

Auch im Rahmen der Veröffentlichung des Albums war eine Tournee durch die deutschsprachigen Länder geplant. Als sich der Vorverkauf jedoch nicht erfolgsversprechend entwickelte, verschob man zunächst die Tour (unter dem Vorwand technischer Probleme), schlussendlich mussten die Konzerte jedoch wegen des zu geringen Publikumsinteresses final abgesagt werden. Es zeigte sich, dass Falco anscheinend kein angestammtes Live-Publikum hatte, sondern bei jeder Tour von den Hits abhängig war. Dazu kam 1988, dass die Tournee zu groß geplant war (Hallen und Umfang).

Ein einziges Konzert der geplanten Tournee fand statt, am 2. Dezember trat Falco in Oldenburg auf. Dieser Gig wurde vom NDR im Radio live übertragen, was auch der Grund dafür war, dass dieser Auftritt als einziger nicht abgesagt wurde, es bestand eine vertragliche Vereinbarung. Im Rahmen dieses Konzert spielte Falco alle Bolland-Songs aus dem aktuellen Album, auf späteren Tourneen wurde dann lediglich noch Tricks in Live-Sets übernommen. Die Songs von Mende und DeRouge wurden niemals live gespielt. Es scheint, als ob Falco recht früh erkannt hat, dass diese Nummern nicht nur kein Live-Potential haben, sondern auch, dass sie für ihn sehr uncharakteristisch sind. Vom Konzert in Oldenburg existieren Bootleg-Veröffentlichungen der Radioübertragung, leider einerseits in schlechter Qualität, andererseits wurde das Konzert auch von technischen Problemen auf der Bühne überlagert, mehrmals mussten Pausen zur Beseitigung von Tonschwierigkeiten eingelegt werden.

Falcos fünftes Album ist wohl sein schwächstes, heterogenstes und auch (hinsichtlich der Songs von Mende und DeRouge) untypischstes zu Lebzeiten veröffentlichtes Album. Aufgrund der Tatsache, dass es lediglich zwei Jahre nach Falcos Karrierehöhepunkt herausgebracht wurde und auch aufgrund des Umstandes, dass es mit der Single Wiener Blut einen Hit im deutschen Sprachraum hatte, ist nicht sein kommerziell erfolglosestes Album (diese Ehre steht Data De Groove zu), aber aus künstlicher Hinsicht bricht hier die Qualität schon extrem ein.

Das ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass es einerseits ein Longplayer ist, der im Krisenmodus entstanden ist, andererseits darauf, dass es das Album ist, zu dem Falco sehr wenig beigesteuert hat. Vielfach wirkt es, als sei Falco ein Gastsänger auf seinem eigenen Werk. So wenig musikalische Idee und textliche Beiträge hat Falco wohl nie wieder beigetragen, lediglich das nach seinem Tod veröffentlichte Album Out Of The Dark (Into The Light), weist ähnlich wenig Input und Lust auf kreative Beteiligung auf. Die Entstehung fiel in einen Zeitpunkt, zu dem Falco sehr wenig Begeisterung für Musik oder auch Texte verspürte, schon ein Jahr vor dem Beginn der Aufnahmen wollte er lieber in Kinofilmen mitwirken als ein neues Album zu machen. Auch seine persönlichen Schwierigkeiten mit seiner Freundin/Ehefrau Isabella und der Stress durch die internationalen Promotion- und Tournee-Aktivitäten haben wohl Falcos Interesse an seiner Profession stark verringert. Dazu kam dann auch noch das Problem, dass die Zusammenarbeit mit den Bollands nicht mehr so gut lief und diese Schwierigkeiten gipfelten dann in die völlig fehlgeleitete Entscheidung, die für Falcos Stil und Humor nun wirklich extrem ungeeigneten Produzenten Mende und DeRouge ins Boot zu holen und eine neue musikalische Richtung zu nehmen.

Diese Entscheidung (die Auswahl der neuen Produzenten beziehungsweise die völlig falsche Neuausrichtung des musikalischen Stils) muss wohl als einer der wesentlichsten Fehler in Falcos Karriere gesehen werden. Es ist tragisch, dass weder er selbst, noch sein Management erkannten, dass schon beim Vorgängeralbum Emotional erste Anzeichen von Beliebigkeit und Biederkeit in einzelnen Songs auftauchten und dass der Weg aus der Krise in einer Umkehr und Rückbesinnung auf die etablierten und erfolgreichen Kernelemente in Falcos Kunst gelegen wäre. Stattdessen wurde die Marke und das Image Falcos auf ein familienfreundliches Format bravgekämmt, er wurde so zur provinziellen und kitschigen Version seiner selbst. Viele Probleme Falcos in den nächsten Jahren basieren auf dieser falschen künstlerischen Entscheidung, Ewa Mazierska nennt in ihrem Buch Falco And Beyond dieses Handikap, Pierre Bourdieu zitierend, negatives kulturelles Kapital: „… Falco’s image changed – he started to be perceived as a provincial, kitschy version of his old self, unable to propose new trends. Such a „wrong“, but strong image is worse than having no image. Many fans deserted him, disowning not only his new record but also his entire oeuvre because he connoted for them badly located emotional investment“.

Dazu kam, dass sich der Zeitgeist Ende der 1980er Jahre gedreht hatte und Falco frontal ins Gesicht blies. Seine arrogante, elitäre Darbietung seiner Kunstfigur war in Zeiten von Betroffensheitsrock á la U2 nicht mehr angesagt und man spürte bereits im Vorfeld der Produktion und auch der Single-Veröffentlichung Body Next To Body, dass Falco nicht mehr das Liebkind der Presse war, auch viele Fans wandten sich ab. Dazu trugen sicher auch Photos von Falco in der Presse bei, auf denen er in einer Sandkiste mit Kind beziehungsweise mit gelber Jogginghose mit kindlichem Krokodilsdesign zu sehen war.

In so einer Situation hätte Falco wohl nur ein Album voller Hits beziehungsweise eine musikalische Neuausrichtung oder Rückbesinnung geholfen. Im starken Kontrast brachte er ein Album heraus, dass lediglich durchschnittliche Normalkost (die Bolland-Songs) und eine völlig missglückte Neuorientierung (die Mende/DeRouge-Songs) bot. Die LP ist ein Kompromiss mit dem niemand glücklich war, das Album ist zweigeteilt, ohne einen Flow, es hängt in der Luft, ist niemals mehr als die Summe seiner (teils gar nicht mal so schlechten) Teile.

Es steht sinnbildlich für den Irrweg und die Sackgasse, die Falco eingeschlagen hatte, es ist seine „Fat Elvis-Periode“, in der er krampfhaft versuchte, an einstige Erfolge anzuknüpfen und grandios scheiterte. Das Album klingt uninspiriert, ist schlecht produziert und die Songqualität lässt (vor allem bei den Mende/DeRouge-, aber auch bei den Bolland-Songs) meistens sehr zu wünschen übrig.

Da bis heute lediglich zwei der insgesamt neun Songs von Mende und DeRouge im Original-Mix von 1987 veröffentlicht wurden (Solid Booze und Sand Am Himalaya) während die restlichen sieben Nummern entweder bereits 1988 remixt oder dann noch später, nach Falcos Tod, anno 1999 (auf Verdammt Wir Leben Noch) beziehungsweise 2009 (auf The Spirit Never Dies) in stark veränderter Form auf den Markt gebracht wurden, würde eine Veröffentlichung dieser Songs in der Originalabmischung aus dem Jahr 1987 unter dem Namen „Aya“ eine nette Veröffentlichungsidee darstellen.

Man kann nicht mal behaupten, dass die LP Falcos schlechteste wäre (dieses Prädikat steht wohl mit einigem Abstand Out Of The Dark (Into The Light) zu), aber es ist zweifelsfrei das Album, mit dem Falco zu Lebzeiten am wenigsten glücklich war. Man hört in jeder Sekunde den Druck, den Zwang, die Lustlosigkeit, die Ideenlosigkeit aller Beteiligten und man fragt sich, warum man nicht einfach das Erfolgsrezept der ersten drei Alben leicht modernisiert reproduziert hat. Gewidmet hat Falco die LP laut Info am Plattencover übrigens dem walisischen Schriftsteller Dylan Thomas. Das Album ist übrigens bis heute nicht online in Österreich erhältlich es kann, aufgrund rechtlicher Gründe, hierzulande weder gestreamt noch via Download gekauft werden. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch verwunderlich, hat Warner Music doch die weltweiten Generalrechte an allen Falco-Songs von 1986 bis 1990.

Falco bezeichnet das Werk oft als sein schwächstes Album, und es ist zugleich tragisch, dass Falcos nächste LP (Data De Groove), in der im Gegensatz zu diesem Werk sehr viel Herzblut und Verbundenheit steckt und zu dem er auch in künstlerischer Hinsicht sehr viel beigetragen hat, noch weitaus weniger Erfolg hatte…

Beteiligte

Songs 1-6:
Produced and arranged by Rob & Ferdi Bolland
Engineered by Okkie Huysdens & John 'Zorba' Kriek
Recorded and mixed at Bolland Studios Blaricum Holland
Synthesizers, keyboards, digital samplers, mouthorgan, drum and percussion
computer programming, backing vocals: Rob & Ferdi Bolland
Additional backing vocals, synthesizers & programming: Okkie Huysdens
All electric and accoustic guitars: Lex Bolderdijk
Bass: Jan Hollestelle
String arrangement: Dick Bakker

Songs 7-10:
Produced by Gunther Mende, Alexander C. Derouge
Arranged by P. Löw, P. Weihe, Gunther Mende, Alexander C. Derouge
Recorded at M+B Studio/Far Studio Rosbach Taunus
Remixed by Falco at Arco Studios Munich (songs 7 & 8)
Musicians: Pit Löw, Peter Weihe, Mats Björklund & Gunther Mende
Additional vocals: K. Haukel, L., Rocco, E. Singer, Alexander C. Derouge, K. Taylor, G. London
Chorus vocals: Alexander C. Derouge

Song 11:
Produced by Falco, Mal Luker
Recorded at Stars Studio Munich Hamburg by Falco & Luis Rodriguez
Remixed at Arco Studios Munich
Keyboards and programming: Detlev Reshöft & Mal Luker
Guitar: Nils Tuxen, Mats Björklund
Bass: Tissy Thiers
Tabla, Tanpura, Sarod, Tarang: Asim Saha, Kamalesh Maitra
Backing vocals: Victoria Miles & Freda A. Goodlett
German chorus: Falco

Photography: Dieter Eikelpoth
Cover: MZK Meyer zu Küningdorf