Song

Die Königin Von Eschnapur

Laufzeit

4:29 Minuten

Album

Verdammt Wir Leben Noch [1999]

Single-Auskopplung

Mai 2008

Musik, Text und Produktion

Musik: Falco, Thomas Rabitsch, Thomas Lang
Text: Falco
Produzent: Falco, Thomas Rabitsch, Thomas Lang, Dietmar Tinhof

Offiziell veröffentlichte Mixes/Edits/Versionen

  • Peter Kruder Remix 5:06 (2008)
  • Radio Edit 3:55 (2008)
  • R/K Nightrider Mix 3:28 (2008)
  • Symphonic Remix 3:58 (2008)

Sampling Versionen

  • “Zwischen Zeit Und Raum” Version feat. Nazar 3:06 (1995/2014)
  • “Zwischen Zeit Und Raum” Sterben Um Zu Leben Collaboration (JMP Remix)  feat. Nazar 2:41 (1995/2018)
  • “Zwischen Zeit Und Raum” Sterben Um Zu Leben Instrumental Collaboration (JMP Remix) feat. Nazar 2:41 (1995/2018)

Über den Song

Gemeinsam mit Verdammt Wir Leben Noch und Europa 1995 entstanden, wurde dieser Song von Thomas Rabitsch und Thomas Lang produziert. Zu dieser Zeit hatte Falco den Plan, sein nächstes Album gemeinsam mit dem Keyboarder und dem Schlagzeuger seiner Live-Band zu erarbeiten. Wie auch die anderen beiden oben erwähnten Lieder wurde die Nummer erst 1999, nach Falcos Tod, auf den Markt gebracht, weil die Plattenfirma EMI wenig begeistert von der neuen musikalischen Richtung und den vorgelegten Songs war.

Musikalisch ist auch dieser Track eine Rock-Nummer, er beginnt leise mit einer Frauenstimme, zarte Drums erklingen im Hintergrund. Nach und nach setzen ein Gitarrenriff und Thomas Langs prominente Drums ein. Über das Ganze rappt Falco bevor dann der Refrain einsetzt. Dieser setzt sich durchaus ab, richtig hitverdächtig ist er aber nicht. Im Mittelteil wird der leicht indische und esoterische Touch des Sounds verstärkt, eine fragile Gitarre setzt ein. Danach klingt die Nummer mit Wiederholungen des Refrains aus. Wie auch die anderen Songs aus diesen Sessions bewegt sich die Produktion am braven und biederen Austropop-Sound, was der Nummer nicht guttut. Wie eine solche musikalische Einkleidung wesentlich interessanter funktionieren könnte, zeigt der Remix von Peter Kruder, der einige Jahre später angefertigt wurde.

Falco hat den Text selbst geschrieben, inhaltlich ist es ein deprimierter-melancholischer Song: Falco besingt zwar einerseits die neue/alte Situation zwischen Männern und Frauen („Denn wir Männer sind dieselben, und ihr Frauen, ihr seid es auch, nur unsere Zeichen sind verändert“), den Hedonismus („Wir haben unsere Ideale, doch vorwiegend hatten wir das Spiel, die Weiber und den Gin“, „Und wer sich morgen noch daran erinnert, der war nie dabei“), gleichzeitig aber auch (wie auch schon bei Verdammt Wir Leben Noch) seine trotzig-entmutigte Einstellung zu seinem Status Mitte der Neunziger („…unseren Tod schon heute zu beklagen, lebend begraben werden sie uns nie“, „Doch es ist wirklich nichts vorbei“) und seine neue Liebe zur Authentizität („Was von uns überbleibt ist alles original, was ihr jetzt hört ist original, letztlich bin ich mein Original“).

Falco blickt auch hier zurück auf die Achtziger, vielleicht hat mittlerweile der Feminismus die Begrifflichkeiten verändert, aber im Wesentlichen sieht Falco keine Abkehr von alten Geschlechterrollen. Zwar bläst Macho-Männern der Wind nun ein bisschen härter entgegen, aber wirklich ändern wird sich laut Falco nichts. Gleichzeitig kann man den Text natürlich auch als Kommentar Falcos zu seiner beruflichen Situation zu diesem Zeitpunkt lesen.

Ewa Mazierska meint in ihrem Buch, dass Falco im Refrain die Spitznamen seiner Lieblingsprostituierten nennt („Königin von Eschnapur“, „Kaiserin von Kasachstan“, „Fürstenkind von Caracas“), aber meiner Meinung nach ist sie da auf dem Holzweg. Weiters meint sie auch, dass Fritz Langs Abenteuerfilm „Der Tiger von Eschnapur“ von 1938 (basierend auf dem Roman von Thea von Harbou) Pate für den Text gestanden ist: „(This song) is the most ambitious of Falco’s „oriental tracks“. The title harks back to Fritz Lang’s Indian epic, whose first part was entitled „Der Tiger Von Eschnapur“ (1960). There are many references to Lang in Falco’s songs and videos, but on this occasion, the connection is more profounded. Lang, as his „Tiger“ testifies, did not want merely to imitate Indian films or smuggle references to Indian culture into his Western productions but to upstage films about the Orient made either in the East or in the West. The means to this goal was this film’s epic dimension and the ample use of metaphors, most importantly the main female character, Indian dancer Seetha, with her love of white music and white men, synchronizing the utopian synthesis of the East and West. Due to its linguistic virtuosity, with complex metaphors worth of Fritz Lang and an interesting bleding of Eastern sounds with a rock, energetic rhythm in (his song), Falco presents himself as a worthy heir to Lang, albeit working in a different medium. Pity that there is not a video to this song as it would be interesting to see how Falco might have handled Lang’s legacy. The use of alternative descriptions of the Eschnapur royalty: „Die Kaiserin von Kasachstan“ and „Das Fürstenkind von Caracas“ (perhaps standing for „pet names“ given by Falco to his favourite prostitutes) suggest that Lang’s dream of hybridizing the West with the East was fulfullid, but at the price of blurring their contours and reducing the East to what is accessible to a tourist or even a virtual tourist, who samples the East in his own hometown“.

Beide diese Zugänge sind meiner Meinung nach Irrwege, vielmehr war das Vorbild Falcos für diese Lyrics wohl vielmehr der deutsche Schauspieler und Sänger Hans Albers. Dieser hatte in den 1950er Jahren einen Song namens „Oh Signorina-rina-rina“ aufgenommen und die folgenden Zeilen dafür getextet: „Die Königin von Eschnapur, die konnte was vertragen. Die trug bei jeder Temperatur nix weiter als eine Armbanduhr. Und damit ging sie nachts auf Tour. Wohin? Tja, das kann ich euch nicht verraten“. Die Verwendung der imaginären indischen Stadt Eschnapur (sowie weitere Elemente von Falcos Text) dürften von dieser Nummer übernommen worden sein. In seinem Buch erzählt Horst Bork von der Faszination, die Hans Albers auf Falco seit Mitte der Achtziger Jahre ausgeübt hatte: so hatte Falco in Borks Haus ein Poster des deutschen Stars entdeckt und war sofort Feuer und Flamme von dessen schnippisch-humorvollen Umgang mit Sprache und wahrscheinlich auch von dessen Unangepasstheit und der Vorliebe für Alkohol. Gemeinsam besuchten Falco und Bork Albers‘ Grab und sein Geburtshaus, bereits 1986 sprach Falco davon, Albers-Songs covern zu wollen. 1995 erzählt Falco dann Bork von einem neuen Song, den er zum Gedenken an Hans Albers aufgenommen habe.

Aber auch bei Theodor Fontane, dem deutschen Schriftsteller, dürfte Falco sich einiges ausgeliehen haben: so schreibt Fontane im Gedicht „Die Alten und die Jungen“ von 1847: „Unverständlich sind uns die Jungen, wird von den Alten beständig gesungen. Meinerseits möchte ich’s damit halten: Unverständlich sind mir die Alten (…) Ob sie Frieden sähen oder Sturm entfachen, ob sie Himmel oder Hölle machen, eins lässt sie stehen auf siegreichem Grunde, sie haben den Tag, sie haben die Stunde“.

Günter Zimmermann sieht im Buch Falco’s Many Languages auch eine Verbindung zur deutschen Band Ideal (deren Frontfrau Annette Humpe später den Refrain-Gesang von Mutter, Der Mann Mit Dem Koks Ist Da übernehmen sollte): hier wird im Songtext von „Monotonie“ ebenfalls die fiktive Stadt Eschnapur erwähnt.

Anlässlich der posthumen Veröffentlichungen des Songs 1999 schreibt das österreichische Magazin News von einer „wortakrobatischen Feinarbeit für Bewunderer der paraliterarischen Falco-Sprache“, das Libro-Magazin hört „indischen Flair, gemischt mit Raps“. Markus Spiegel schreibt im Booklet des kompilierten Albums Verdammt Wir Leben Noch (auf dem sich der Song befindet): „Lang vor dem Esoterik-Boom schuf Falco ein bemerkenswertes Beispiel seines spielerischen Umgangs mit der Sprache“.

Zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung wurde die Nummer nicht als Single veröffentlicht, dies geschah jedoch 2008 als im Zuge des zehnten Todestages Falcos neben vielen anderen Publikationen eine CD-Single auf den Markt gebracht wurde. Zu dieser wurde zwar kein Videoclip gedreht, jedoch wurden durch Thomas Rabitsch und den österreichischen Produzenten und DJ Peter Kruder (bekannt durch seine Veröffentlichungen im Rahmen des Projekts Kruder&Dorfmeister) einige neue Remixes angefertigt. Der Remix von Kruder ist dabei der beste, er kleidet den Rock-Song in einen modernen elektronischen, tanzbaren Sound und entledigt ihn durch diese aufregendere, minimalistischere Umsetzung dem miefigen Geruch des Austropop. Der von Kruder und Rabitsch produzierte ’R/K Nightrider Mix‘ ist ebenfalls ganz gut gelungen, hier werden aber wieder Kompromisse hinsichtlich einer braveren, radio-tauglicheren Klanggestaltung gemacht. Der ’Radio Edit‘ ist ein Edit der Album-Version, lediglich ein paar zusätzliche (und überflüssige) Gitarren- und Drum-Spuren wurden hier dazu gemischt.

2014 produzierte der österreichische Rapper Nazar einen Song, bei dem er Elemente dieser Falco-Nummer verwendete. Dieser, unter dem Namen „Zwischen Zeit Und Raum“ veröffentlichte Track verwendet dabei die Melodie, den grundsätzlichen Beat und auch Falcos Stimme. Das geschieht durchaus respektvoll und ist technisch gut gemacht. 2018 wurde von dieser Nazar-Nummer für das Sample-Album Sterben Um Zu Leben ein kürzerer JMP-Remix angefertigt.

Online kursiert auch die Demo-Version von 1995, diese klingt im Wesentlichen nicht anders, lediglich der instrumentale Mittelteil ist merkbar unterschiedlich gestaltet.

Das Cover der Single von 2008 ziert eine Aufnahme einer in feinstes Tuch gewandeten Frau, sie ist edel geschminkt und blickt lasziv direkt in die Kamera. Dabei ist dieses Photo lediglich im Inneren der Buchstaben zu sehen, die den Titel des Songs abbilden, der Rest des Covers ist schwarz. Rechts oben steht in weißen Buchstaben der Künstlername. Im Inneren des Covers wird prominent das fast gleichzeitig erschienene Album Symphonic beworben, sowohl auf das Cover der CD als auch der DVD dieses Projekts wird hingewiesen.

Falcos Hommage an Hans Albers und an die Königin der imaginären indischen Stadt Eschnapur ist wie auch der Song Verdammt Wir Leben Noch lediglich Durchschnittsware. Der Sound ist rockig, aber brav und langweilig produziert, Falcos Text durchaus eine charmante Verbeugung von Hans Albers, gleichzeitig aber auch kryptisch und wortspielverliebt. Die aufregendste Version ist der von Peter Kruder angefertigte Remix, zu einem Hit wurde der Song aber dadurch auch nicht, die Single konnte sich nicht einmal im Falco-Jahr 2008 irgendwo in den Charts platzieren. Dennoch hat der Song durchaus einen gewissen Flair, außer Falco-Fans dürfte er aber wenigen Leuten bekannt sein,

Text

(Oh, she said
Oh, she said)

So!
Ich bin der lebenslang gewählte Präsident
Im Club der Söhne edler Sinne
Wir haben unsere Ideale
Doch vorwiegend hatten wir das Spiel
Die Weiber und den Gin

Wir fliegen hin und wir fliegen her
Wir haben wirklich regen Flugverkehr
Und wer sich Morgen noch daran erinnert
Der war nie dabei
Nur wir sagen’s nicht mehr laut
Doch es ist wirklich nichts vorbei

Denn wir Männer sind die selben
Und ihr Frauen
Ihr seid es auch
Nur unsere Zeichen sind verändert
Und eure Titel sind es auch
Zum Beispiel deiner
Für mich bist du

Du bist die Königin von Eschnapur
Und du trägst zumeist nur die Armbanduhr
Yeah, yeah
Du bist die Kaiserin von Kasachstan
Du behältst zumeist nur die Krone an
Yeah, yeah

Montags sind wir meistens wild und jung gewesen
Bis Donnerstag man dem Sturm erlag
Den Rest der Woche brauchen wir um zu genesen
Am Tag des Herrn man wieder sich zum Weib begab

Meinerseits, so möchte ich’s damit halten
Mir unverständlich sind die weisen Alten
Die den Sturm zu gern verwechseln
Mit der Anarchie

Wenn das so wäre
Würd' ich es wagen
Dem Turm der Weisheit zu entsagen
Und unseren Tod schon heute zu beklagen
Lebend begraben
Werden sie uns nie

Du bist die Königin von Eschnapur
Und du trägst zumeist nur die Armbanduhr
Yeah, yeah
Du bist das Fürstenkind von Caracas
Kommst du an den Strand
So werden die Fische nass
Yeah, yeah

Was überbleibt ist orginal
Was von uns überbleibt ist alles original

Du bist die Königin von Eschnapur
Und du trägst zumeist nur die Armbanduhr
Yeah, yeah
Du bist die Kaiserin von Kasachstan
Du behältst zumeist nur die Krone an
Yeah, yeah
Du bist das Fürstenkind von Caracas
Kommst du an den Strand
So werden die Fische nass
Yeah, yeah
Du bist die Königin von Eschnapur
Und du trägst zumeist nur die Armbanduhr
Yeah, yeah

Was überbleibt ist orginal
Was von uns überbleibt ist alles original
Was ihr jetzt hört ist orginal
Was von uns überbleibt ist alles original
Letztlich bin ich mein Original
Was überbleibt ist orginal

Meine Textfassung beruht, falls vorhanden, auf den Textbeilagen der offiziellen Veröffentlichungen (Booklet, Inlay, Cover etc.). Allerdings wurden alle Texte abgehört und nach dem gesungenen Wort korrigiert. Bei Songs, bei denen keine Textbeilagen verfügbar sind, basiert meine Fassung ausschließlich auf dem gesungenen Wort bzw. auch auf im Internet kursierenden Versionen. Textpassagen, die im Dialekt gesungen wurden, stehen in gemäßigter Transliteration. Rechtschreibfehler, sowohl deutsche als auch englische, wurden in eklatanten Fällen korrigiert. Die Rechtschreibung beruht teils auf der zur jeweiligen Zeit gültigen (Textbeilagen), teils auf der neuen Rechtschreibung (eigene Abhörungen). Auf Satzzeichen wurde im Allgemeinen verzichtet. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar.