Song

Auf der Flucht

Laufzeit

4:06 Minuten

Album

Einzelhaft [1982]

Single-Auskopplung

1982/83 (USA, Kanada, Frankreich, Australien, Neuseeland, Philipinen, Bolivien)

Musik, Text und Produktion

Musik: Robert Ponger
Text: Falco
Produzent: Robert Ponger

Offiziell veröffentlichte Mixes/Edits/Versionen

  • Specially Remixed 12″ Version 4:33 (1982)
  • Specially Remixed 7″ Version 3:40 (1982)
  • 12” Version 7:39 (1982)

Offiziell veröffentlichte Liveaufnahmen

  • Wien, Stadthalle 7:05 (1982)
  • Wien, Rathausplatz 6:01 (1985)
  • Wien, Stadthalle 3:51 (1985)
  • Berlin, Eissporthalle 4:00 (1986)
  • Wien, Donauinsel 4:13 (1993)
  • Wien, Donauinsel 4:09 (Tribute Collaboration feat. Skero) (1993/2017)

Sampling Versionen

  • Sterben Um Zu Leben Collaboration feat. Frauenarzt 3:04 (1982/2018)
  • Sterben Um Zu Leben Instrumental Collaboration feat. Frauenarzt 3:04 (1982/2018)

Über den Song

Falcos Song über seine Flucht nach Berlin Mitte der 1970er Jahre und über die Flucht der Studenten vor den Wasserwerfen im Rahmen der politischen Proteste dieser Zeit ist sicherliche einer der stärksten Songs auf seinem Debutalbum, wenn nicht überhaupt seiner Karriere. Musikalisch geht der Song gehetzt los, über heftiges Atmen legt sich die immer lauter werdende Melodie, im Hintergrund schreien bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Gitarren über einen Disco-Beat. Es gibt keine klare Songstruktur und keine Trennung von Strophe und Refrain, alles fließt zusammen bis am Schluss das erschöpfte Atmen den Song beendet.

Falco beschrieb den Song selbst als ein Stück über die politische Situation in Westberlin anno 1968 und über das Verlangen der Jugend zu protestieren, auch wenn nicht wirklich klar ist, gegen was eigentlich. Heinz Rudolf Kunze nannte den Song in einem Artikel eine unpathetische und direkte Erzählung über die Vergeblichkeit der Jugendrevolten, schnörkellos und treibend umgesetzt. Es ist sicherlich eines von Falcos politischsten Liedern, ein scheinheiliger und suggestiver Ausruf des Sieges der konservativen Ordnungskräfte über die revolutionäre Hoffnung der Jugend. Ewa Mazierska sieht in ihm eines von Falcos Hauptthemen: die gelebte Apokalypse, welche permanent ist und an die sich das Individuum in einer solchen Gesellschaft anpasst. Es gibt keinen wirklichen Protest mehr, alles ist leer, verloren, postmoderne Ernüchterung macht sich breit. Es herrscht ein tödlicher Friede, ein Stillstand, der alles Neue unmöglich macht. Falco beschreibt meiner Meinung nach hier sehr treffend und doch subtil umschrieben, die Situation in Österreich in den späten 1970er Jahren: die große politische Koalition sitzt unbeweglich an der Macht, nichts geschieht, man schaut nur noch zurück. Indem Falco dieses Thema behandelt, macht er selbstverständlich auch sein Missfallen an diesem Zustand klar. Sein Standpunkt ist, dass Ende der 1960er die Jugend noch für ihre Ideale auf die Straße ging, während sich die Situation nun Anfang der 1980er Jahre beruhigt hat. Die Staatsgewalt hat die Oberhand behalten, es gibt nur noch Stillstand, Verbote und keine Proteste mehr dagegen, man hat sich mit dem Status Quo abgefunden. Gleichzeit deutet er die Entwicklung des Rückzugs in den persönlichen Hedonismus an, nicht jedoch ohne gleichzeitig die Zukunftsprognose zu entwerfen, dass dieser Neo-Konservatismus, der für Falco eine „Märchenwelt“ ist, der Auslöser für neue soziale (Jugend-) Unruhen sein und sich das Blatt auch sehr schnell wieder wenden könnte.

Falco bleibt jedoch textlich ironisch-zurückhaltend und vermeidet den moralischen Zeigefinger was dem Song sehr gut tut. Im Buch Falco Privacy finden sich Hinweise aus Falcos Textbuch, dass dieser Song ursprünglich den Arbeitstitel „Ausbruch“ oder „Die Flucht“ gehabt haben dürfte, der schlussendlich gewählte Titel ist aber sicherlicher griffiger. Der Song wäre wohl statt Maschine Brennt die bessere dritte Single aus dem Album geworden, aber über eine Verwendung als B-Seite auf der Promo-Single Zuviel Hitze brachte sie es nicht hinaus. Falcos amerikanische, kanadische und fanzösische Plattenfirma hingegen erkannten sehr wohl das Potential dieses Songs und brachten ihn 1982 als Single (unter dem Titel On The Run) heraus.

Im Rahmen dieser Veröffentlichung wurde der Song auch neu abgemischt, der Remix kommt zu Beginn schneller zur Sache und klingt irgendwie aggresiver da man Falcos Stimme und das Schlagzeug mehr in den Vordergrund gemischt hat. Es gibt von diesem Mix sowohl eine längere Version als auch eine kürzere Single-Version. Auf dem Cover der 12″ Single sieht man Falco im feinen Anzug und Fliege, optisch also durchaus eine Vorwegnahme des Images das Falco ein paar Jahre später bei der Veröffentlichung seines nächsten Albums Junge Roemer anstrebte. Auf einer mexikanischen 12″ findet sich ein weiterer Mix, dieser ist jedoch nur ein längerer Edit der normalen Albumversion. Inoffiziel kursiert im Internet auch ein 1994 Remix (in einer langen und einer kurzen Version) dieses Songs, es ist jedoch unklar, woher dieser kommt und von wem er angefertigt wurde – es ist jedoch ein äußerst gelungener Remix und eine Veröffentlichung hätte durchaus Sinn gemacht.

Von diesem Lied gibt es zwei (inoffizielle) Videoclips, einer zeigt Falco als Nachrichtensprecher, im weißen T-Shirt und Lederjacke (sein Name wird als „Hans Falko“ (!) eingeblendet) im Hintergrund laufen auf dem Bildschirm Szenen von Demonstrationen und Straßenunruhen. Der zweite Clip zeigt Falco in einem Hinterhof mit Lederjacke und Sonnenbrille, eingeblendet werden auch hier Filmaufnahmen von sozialen Unruhen. Beide Clips scheinen weniger offizielle, von Plattenfirmen in Auftrag gegebene Videos, sondern vielmehr von TV-Shows angefertigte Einspieler zu sein.

Text

Ah, say what?
What you say?

West-Berlin, Neunzehnhundert-sechzig-sieben
Erster Eindruck, grüne Minna
Strassensperre gegen Spinner
Habt ihr Bock auf ’ne Tracht Prügel
Wir bedienen euch nicht übel, aha

Ecke Joachimstaler/Kudamm, ein Exzess
Wer das Gas als Letzter riecht
Hat als erster den Prozess
Ganz Berlin ist eine Wolke
Und man sieht sich wieder mal auf der Flucht

Aus… Aus… Aus…Ausbruch
Auf der Flucht

Zürich Limmatquai, Neunzehnhundert-achtzig-zwei
Alles ist in Ordnung, nichts am Platz
Ein Ende hat’s mit dem Rabatz
Gewonnen hat die Steuer
Und am Seeufer kein Feuer

Das Fazit aus fünfzehn Jahren
Die Kontrolle zu bewahren
Edle Werte zu geniessen
Seht mal wohin Gelder fliessen
Schmeisst die Rockrabauken raus
Und renoviert das Opernhaus, aha

Was die Ordnung anbelangt
Hat sich alles Gott sei Dank
Fast wie ganz von selbst ergeben
Denn die starke Hand siegt eben
Hält die Märchenwelt beisammen
Und die Räuber sind gefangen, aha

Für die Zukunft sei gesagt
Sicher kommt mal wer und fragt
Was die Jungwähler so denken
Über Kräfte die sie lenken
Schwere Wolken Donnerschlag
Und wer sieht sich da jetzt auf der Flucht

Auf der Flucht
Auf der Flucht
Auf der Flucht
Auf der Flucht

Meine Textfassung beruht, falls vorhanden, auf den Textbeilagen der offiziellen Veröffentlichungen (Booklet, Inlay, Cover etc). Allerdings wurden alle Texte abgehört und nach dem gesungenen Wort korrigiert. Bei Songs bei denen keine Textbeilagen verfügbar sind, basiert meine Fassung ausschließlich auf dem gesungenen Wort bzw. auch auf im Internet kursierenden Versionen. Textpassagen, die im Dialekt gesungen wurden, stehen in gemäßigter Transliteration. Rechtschreibfehler, sowohl deutsche als auch englische, wurden in eklatanten Fällen korrigiert. Die Rechtschreibung beruht teils auf der zur jeweiligen Zeit gültigen (Textbeilagen), teils auf der neuen Rechtschreibung (eigene Abhörungen). Auf Satzzeichen wurde im Allgemeinen verzichtet. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar.