Studio Album

Einzelhaft

Juni 1982
GIG Records Austria

Über das Album

Falcos erstes Album ist ein sehr authentisches Werk mit einem starken Lokalkolorit. 1982 auf dem kleinen Wiener Plattenlabel GIG Records veröffentlicht, arbeitete Falco auf seinem Debut fast ausschließlich mit österreichischen Musikern zusammen. Auch der Produzent und Co-Autor kommt aus der Gegend von Wien und thematisch geht es in fast jeden Song um Zustände und Befindlichkeiten in Falcos Heimatstadt. Abgerundet wird diese Verhaftung in der lokalen Szene durch den Umstand, dass auch für das Coverdesign ein Bühnenkollege aus Falcos ehemaliger Band Drahdiwaberl verantwortlich zeichnete.

Dieses autarke Werk wurde von Falco zeitlebens als sein bestes Album bezeichnet und wenngleich spätere Alben kommerziell erfolgreicher waren, tut man sich schwer, dem Künstler hier zu widersprechen. Entstanden ist Falcos Erstling im Laufe der Jahre 1981 und 1982 in Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Songschreiber Robert Ponger, wobei eine für diese Kooperation perfekt funktionierende Arbeitsteilung zustande kam: während sich Falco auf das Verfassen von Texten konzentrierte, war Ponger für die musikalische Seite der Songs zuständig. Diese Aufgabenverteilung ist dabei durchaus interessant, hatte Falco doch zu Beginn seiner Karriere noch versucht, sowohl Texte als auch Musik für seine Songs selbst zu verfassen: so sind Ganz Wien (obwohl sich hier hartnäckig Gerüchte halten, Falcos Bandkollege und Freund Hansi Lang hätte hier mitgeholfen) und Helden Von Heute Songs, die Falco vollständig selbst geschrieben hat. Warum und wann es zu der Verschiebung kam, dass Falco nur noch die Texte und seine Produzenten die Musik schrieben, ist nicht bekannt. Es kann jedoch durchaus glaubhaft angenommen werden, dass Falco früh erkannte, dass Andere größeres Talent im Schreiben von Musik beziehungsweise Hits hatten und seine Stärke wohl eher im Formulieren von Texten zu diesen Musikstücken lag.

Begonnen wurde mit der Produktion des Albums 1981 als Markus Spiegel, der Falco im Rahmen eines Konzerts seiner damaligen Band Drahdiwaberl entdeckt hatte, dem jungen, ambitionierten Künstler einen Vertrag über drei Alben anbot und ihn mit dem Produzenten Robert Ponger zusammmenbrachte. Ponger hatte vorher bereits für eine Reihe anderer österreichischer Künstler Songs geschrieben, unter anderem zeichnete er für den Hit ‚Video Life‘ von Bilgeri verantwortlich, der ebenfalls auf Spiegels Label GIG Records erschienen ist. Der erste Song den das kongeniale Gespann Ponger/Falco gemeinsam produzierte war dann Ganz Wien. Dieser erste kleinere, lokale Hit wurde dann auch in einer englischsprachigen Version unter dem Namen That Scene aufgenommen und als erste Falco-Single veröffentlicht.

Bis dahin waren die Aufnahmen für Falcos Erstlingsalbum ohne großen Druck gemacht worden (Falco trat während dieser Zeit sogar noch mit seinen ehemaligen Bands Spinning Wheel und Drahdiwaberl auf), dass sollte sich jedoch mit der Veröffentlichung der ersten Nummer, die Falco und Ponger gemeinsam in der oben beschriebenen Arbeitsteilung geschrieben hatte, schlagartig ändern. Der Kommissar wurde zunächste Ende 1981 in Österreich ein Riesenhit, 1982/83 folgte dann Deutschland, die Schweiz und der Rest der Welt. Dieser Megaerfolg erhöhte natürlich den Druck, möglichst schnell ein erstes Album auf die Beine zu stellen, weltweit wurde der Ruf nach der ersten Falco-LP lauter und lauter. Womöglich hatten auch dieser Druck und der Umstand, dass Falco ab diesem Zeitpunkt monatelang rund um den Globus jettete um die Single Der Kommissar zu promoten zur Folge, dass Falco an diesem Punkt seiner Karriere aufhörte, Songs selbst zu schreiben und begann, sich nur mehr auf das Verfassen von Texten zu Musikvorschlägen seiner Produzenten zu fokussieren. Ein Arbeitsprozess, den Falco bis zu seinem Tod aufrechterhalten und der ihn Zeit seines Lebens extrem abhängig von seinen musikalischen Partnern machen sollte.

Im Gegensatz zu späteren Aufnahmesituationen war die Stimmung bei der Aufnahme von Falcos erstem Album sehr entspannt, Ponger lieferte die Musik und Falco verfasste Texte zu diesen musikalischen Ideen seines Produzenten. Da ein Debutalbum ja immer „ein Produkt der 25 Jahre davor“ (Zitat Falco) ist, war auch das Schreiben der Texte kein Problem, ein Umstand der sich in Falcos weiterer Karriere schon bald radikal ändern sollte. Ergebnis dieser sehr fruchtbaren ersten Zusammenarbeit von Falco und Robert Ponger ist ein Album, das wohl als Österreichs erste echte Pop-Platte bezeichnet werden kann, zumindest ist Falcos Debutalbum ein Meilenstein der österreichischen Popmusik. So modern, so ambitioniert, so cool und gleichzeitig so spontan, locker hingeworfen und lässig klang wohl weder davor noch danach ein Werk eines österreichischen Popkünstlers. Die Musik ist gezeichnet vom massiven Einsatz von Syntesizern und Gitarren, für den Zusammenhalt sorgt der Linn Schlagzeugcomputer, den Ponger damals als einziger Musiker in Österreich verwendete und der für damalige Verhältnisse extrem teuer war. Er gibt den Songs einen treibenden, monotonen, kühlen Beat und wird sogar auf dem Cover des Albums aufgeführt. Produziert wurde das Album vom Perfektionisten Ponger sehr temporeich und den internationalen Standards entsprechend, er gibt den Songs einen Sound, der dafür sorgt, dass die meisten Songs noch Jahrzehnte später nichts von ihrer Faszination verloren haben,

Das Album klingt auch heute noch frisch, modern und zeitlos. Thematisch geht es in den Texten der Songs hauptsächlich um Drogen, um die Kälte der Großstadt, um die Lust und den Frust des modernen Lebens, um Probleme Jugendlicher, um Liebe, Sex und  Falco als der Wiener Stadtneurotiker der 1980er. Nie mehr hat sich Falco auch so eindeutig über politische Themen wie Unterschlagung, Korruption und Wirtschaftskriminalität geäußert wie auf diesem Album, es ist sicher auch sein persönlichstes Album – eines auf dem er sich als Sprachroher einer neuen (österreichischen) Jugend stilisiert, als Ansprechperson der Außenseiter. Gleichzeitig präsentiert sich Falco als Chronist einer vom Wohlstand dekadenten Gesellschaft, an der er zwar den tödlich langweiligen Stillstand kritisiert, im Song Helden Von Heute aber (wenngleich durchaus süffisant) auch auf die Vorzüge eines derart zustandegekommen Hedonismus eingeht. Das Thema dieser modernen Genusssucht sollte dann ein Album später noch eine wesentlich größere Rolle spielen. Auf  dem Debutalbum geht es aber noch um die Beschreibung einer sehr zerbrechlichen Gemeinschaft mit Drogenproblemen, irgendwie ist jeder auf der Flucht vor irgendjemand oder irgendetwas. Wie Ewa Mazierska in ihrem Buch „Falco And Beyond“ meint, birgt die Lust auf Leben eben auch die Gefahr des Todes.

Auch Falcos (Sprech-) gesang verdient eine Erwähnung: auf seinem ersten Album klingt er auf faszinierende Art gleichzeitig gehetzt wie auch gelangweilt, bereits hier spiegelt seine Stimme die teilnahmslose Dekadenz, die charmante Arroganz, die unterkühlte Wut und die einmalige Mischung aus deutschen und englischen Sprachfetzen wider, welche die Marke Falco auch international definieren. Falco singt auf seinem Debutalbum noch hauptsächlich Deutsch, auch ist seine Sprache in Ganz Wien eindeutig tiefer im Wiener Dialekt verstrickt als dies dann in weiterer Folge seines Schaffens der Fall sein sollte.

Auf dem von Stefan Weber, Chef von Falcos ehemaliger Band Drahdiwaberl, gestalteten Cover sieht man Falco lässig mit überkreuzten Beinen und mit schwarzer Lederjacke und Jeans auf einem einsamen Stuhl in einer Gefängnisszelle sitzen, aus dem mit Gittern abgesicherten Fenster scheint der Mond ins Zimmer. Die eventuell vorhandene Symbolik, dass Falco auf der rechten Hand einen Lederhandschuh angezogen hat, während die linke, mit einer fetten Rolex versehen, ohne Handschuh auf seinem Knie liegt, mag ich nicht zu deuten… Falco wirkt auf dem Coverphoto jedoch nicht wie ein inhaftierter Verbrecher oder ein Opfer, sondern vielmehr als ein Mann, der alles unter Kontrolle zu haben scheint. Auch bemerkt Ewa Mazierska in ihrem Buch über Falco, dass er mehr wie der Star eines Film Noir wirkt und nicht wie ein eingesperrter Junkie. Falco blickt provokant, frech und und nicht willens sich anzupassen, direkt in die Kamera, ein Blick der durchaus auch die Qualitäten des Albums beschreibt.

Das Album erschien im Sommer 1982 und kam sowohl in Österreich (#1) als auch in Deutschland (#19) in die Charts bevor es dann auch im Rest der Welt veröffentlicht wurde. Obgleich Falcos Debutalbum vor allem im englischsprachigen Raum von der Musikkritik nicht besonders wohlwohlend aufgenommen wurde (so bezeichnete etwa Trouser Press Falcos Erstling als „pseudo-funk with abnoxious patronizing attempts at African-American Lingo, sung in a constipated gurgle as appealing as hearing someone vomit outside your window“), tat das dem Erfolg des Albums zumdest in den USA keinen Abbruch, die Engländer verweigerten jedoch standhaft bis 1986 jegliche Chartsplatzierungen für Falco. Im deutschsprachigen Raum und auch in vielen anderen Ländern weltweit kam das Album jedoch sehr gut an.

Aus dem Album wurden mehrere Singles ausgekoppelt, nach der nur in Österreich veröffentlichten ersten Single That Scene (Ganz Wien) wurden dann Der Kommissar und später auch noch Maschine Brennt ausgekoppelt. In den USA und in Frankreich wurde Maschine Brennt auf die Rückseite der Single verbannt, auf der A-Seite fand sich Auf Der Flucht. In Österreich und Deutschland hatte man noch Pläne, Zuviel Hitze als weitere Single auf den Markt zu bringen, die Veröffentlichung kam jedoch nicht über den Promo-Status hinaus.

Von That Scene und von Der Kommissar wurden Videoclips angefertigt (von letzterem Song sogar zwei), während die anderen Singles mit von diversen TV-Anstalten angefertigten Videos auskommen mussten. Auf Tour ging Falco mit seinem Debutalbum nicht, er performte jedoch mehrere Songs live in der Wiener Stadthalle im Rahmen der 1982 dort stattfindenden Popcom, einer Musikbranchenveranstaltung.

Falcos erstes Album wird nicht nur von ihm selbst, sondern auch von vielen Fans als sein bestes betrachtet, es ist eine faszinierende Mischung aus Coolness, Narzismus, Kreativität, Affirmation und Subversion. Falco erfindet sich darauf selbst als charmanten, ironisch-humorvollen Pop-Dandy mit einem scharfen Auge für soziale und kulturelle Phänomene. Auch Falcos Vortrag seiner Texte mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, Ironie, Wiener Schmäh und Chupze führten dazu, das Falcos erstes Album als Parodie aufs Establishment und er selbst als Anarchist im hedonistischen Tarnanzug (wie Dolezal und Rossacher in ihrem Falco-Buch schreiben) aufgenommen wurde. Natürlich ist das Album kein Konzeptalbum im klassischen Sinn, aber selten durchzogen sich quer über fast alle Songs eines Falco-Albums so konstant und einheitlich Themen wie hier. Sollte man jemand die Faszination Falcos erklären wollten, tut man gut daran, ihm genau dieses Album vorzuspielen, hier ist bereits alles angelegt was Falco ein paar Jahre später zum internationalen Weltstar machen würde, und es ist genau hier, dass all diese Elemente so beeindruckend wie selten danach umgesetzt wurden.

2007 wurde das Album im Rahmen einer 25th Anniversary Edition neu remastered und mit einer Bonus-CD veröffentlicht. Weder das Remastering (viel zu unausgewogen laut), noch die Bonusinhalte (lediglich That Scene (Ganz Wien) sowie ein extrem langweiliger Remix von Nie Mehr Schule und Auszüge aus einem Interview Falcos mit dem Journalisten Norbert Ivanek im Jahr 1993 – weitere hier nicht zu findende Auszüge findet man auf der CD, die der 2013er-Auflage des Buchs Falco-Die Biographie von Peter Lanz beiliegt) rechtfertigen jedoch den neuerlichen Kauf wenn man das Album ohnehin schon besitzt oder nicht Falco-Hardcore-Fan ist.

Beteiligte

Produktion: Robert Ponger & Falco
Technische Realisation: Robert Ponger
Aufgenommen im Stereo West Studio Wien und Arco Studios München im März 1982
Aufnahmetechnik: Robert Ponger & Mal Luker
Alle Keyboards: Robert Ponger
Alle Gitarren: Peter Viehweger
Saxophone: Andy Kolbe, Harry Sokal
Roto-Toms & Cymbals: Thomas Böröczs
Background Vocals: Falco, Peter Viehweger, Gary Lux, Andy Kolbe
Alle Basis-Tracks wurden mit dem Linn Schlagzeugcomputer aufgenommen
Coverfoto: Hannes Leipold
Grafik: Stefan Weber

Bonusinhalt auf der 2007 Wiederveröffentlichung