Song

Jeanny

Laufzeit

5:50 Minuten

Album

Falco 3 [1985]

Single-Auskopplung

Dezember 1985
Charts: #1 AUT, #1 GER, #1 SUI, #68 GBR

Musik, Text und Produktion

Musik: Rob & Ferdi Bolland
Text: Falco, Rob & Ferdi Bolland
Produzent: Rob & Ferdi Bolland

Offiziell veröffentlichte Mixes/Edits/Versionen

  • Extended Version 8:50 (1985)
  • Special Edited Radio Version 4:28 (1985)
  • English Language Extended Version 8:30 (1985)
  • English Language Version 5:25 (1985) *
  • English Language Special Edited Radio Version 4:39 (1985) *
  • Harold Faltermeyer Remix 7:07 (1991)
  • Symphonic Remix 6:22 (& Coming Home, Jeanny Part 2; Ein Jahr Danach) (2008)
  • Hurts Version 3:42 (2010)
  • Money-G Radio Edit 3:30 (2011)
  • Money-G Extended Mix 6:20 (2011)
  • Money-G Club Radio Edit 3:21 (2011)
  • Money-G Club Remix 6:52 (2011)
  • Money-G UK Edit 3:30 (2011)
  • Money-G UK Mix 6:20 (2011)
  • Money-G UK Club Radio Edit 3:21 (2011)
  • Money-G UK Club Remix 6:52 (2011)
  • Empyre One Radio Edit 3:32 (2011)
  • Empyre One Remix 5:51 (2011)
  • Emypre One UK Radio Edit 3:32 (2011)
  • Emypre One UK Remix 5:51 (2011)
  • Darius & Finlay Radio Edit 3:50 (2011)
  • Darius & Finlay Remix 6:27 (2011)
  • Darius & Finlay UK Radio Edit 3:50 (2011)
  • Darius & Finlay UK Remix 6:11 (2011)
  • Murano Meets Toka Radio Edit 3:34 (2011)
  • Murano Meets Toka Remix 7:52 (2011)
  • Plastician & Klasey Jones Remix 3:32 (2017)
  • Ogris Debris Jeanne D’Arc Mix 5:54 (2017)

* Digital unveröffentlicht

Offiziell veröffentlichte Liveaufnahmen

  • Wien, Stadthalle 5:12 (1985)
  • Berlin Eissporthalle 6:32 (1986)
  • Wien, Donauinsel 6:06 (& Coming Home, Jeanny Part 2, Ein Jahr Danach) (1993)
  • Wiener Neustadt, Domplatz 6:23 (& Coming Home, Jeanny Part 2, Ein Jahr Danach) (Symphonic Version) (1994/2008)
  • Wien, Donauinsel 6:09 (& Coming Home, Jeanny Part 2, Ein Jahr Danach) (Tribute Collaboration feat. Johannes Krisch & Tarek Leitner) (1993/2017)

Sampling Versionen

  • Sterben Um Zu Leben Collaboration feat. Ali A$ 3:55  (1985/2018)
  • Sterben Um Zu Leben Instrumental Collaboration feat. Ali A$ 3:55  (1985/2018)

Über den Song

Der Song über das tragische Schicksal eines 19jährigen Mädchens mit dem schönen Namen Jeanny wurde im deutschsprachigen Raum zum größten Hit Falcos überhaupt, eine Tatsache, die nicht nur auf die dramatische und schaurig-schöne Musik dieser Ballade zurückzuführen ist, sondern auch auf die kontroversielle und bewusst vieldeutige Textgestaltung. Musikalisch betrat Falco mit diesem Song Neuland, hatte er doch zuvor noch keine Ballade gesungen. Die Nummer, die von Ferdi Bolland auf dem Klavier konzipiert wurde (Jeanny war angeblich der Name der Leiterin des Bolland-Fanclubs in der DDR), beginnt mit der Einspielung von Regen, bevor langsam und bedrohlich die dennoch faszinierende und schmusige Melodie einsetzt. Wenn Falco zu singen beginnt, steigert sich die Spannung bis zum erlösenden Refrain, der wie ein Schrei in Mark und Bein fährt. Nach dem zweiten Refrain wird die Musik ruhiger, langsamer, man fragt sich wie die Nummer nun weitergeht. Genau da beginnt ein Nachrichtensprecher in sachlich-neutralem Ton mit dem Verlesen einer Meldung: der Zuhörer wird informiert, dass in den letzten Monaten die Zahl der vermissten Personen angestiegen ist und es einen aktuellen Fall gibt, in dem ein 19jähriges Mädchen seit zwei Wochen nicht mehr gesehen wurde. Abschließend wird verlautet, dass die Polizei ein Verbrechen in diesem Fall nicht ausschließt. Danach verebbt der Song, fast herrscht Stille, bevor Falco mit einem sekundenlangen Schrei den Song wieder neu beginnen lässt. Danach steigert sich der Song in eine Art fiebrigen Wahnsinn, auch Falcos Stimme wird nun lauter, hektischer, verrückter, psychopathischer. Am Ende des endlos scheinenden Outros deutet ein wildes Saxophon-Solo das Ende des Songs an, sowohl die Melodie als auch ein beinahe schon atemloser Falco werden langsam ausgeblendet.

Die Strahlkraft des Songs liegt sicherlich in der schaurig-schönen Melodie, das wollüstige Wohlfühlgefühl des Songs geht im Verlauf der Nummer langsam über in einen schrillen Wahnsinn. Dieses Ambivalente in der Musik, das von Falco und seinen Produzenten bewusst gewollt war, sorgt beim Zuhörer für Emotionen wie Einsamkeit, Traurigkeit, Sehnsucht, es ist eine Musik zum Träumen, sie erzeugt keine Angst, im Gegenteil, aber was sich dann im Traum ins Gehirn schleicht, ist nichts anderes als ein Albtraum. Vielfach wurde auch auf die beinahe sakrale Harmonik des Songs hingewiesen, sicher ist, dass der Titel eine perfekt durchkomponierte und durchdachte Wirkung hat, der man sich schwer entziehen kann. Zu süß und verlockend klingt diese Power-Ballade, zu interessant und faszinierend ist der Verlauf und zu virtuos ist der letzte, dramatisch zum Höhepunkt kommende Teil dieser Nummer.

Dabei begann die Geschichte um den Song recht banal: die Bollands hatten die Idee, einen Song über ein Mädchen zu machen, dass von zu Hause ausbüchst, weil ihre Eltern ihren Freund nicht akzeptieren. Erst das Falconizing des Textes machte aus diesem schwülstigen Teenie-Drama den Skandal, der sich 1985/86 aufgrund dieses Songs ereignete. Falco hatte nämlich die Idee, den Text ambivalenter, mehrdeutiger, offener und spekulativer zu machen. Laut Horst Bork verarbeitete er dabei eine Begebenheit aus seinem Bekanntenkreis. Falco meinte, dass "viele Mädchen aus dem Urlaub nicht mehr zurückkommen und man sich fragt, was mit ihnen passiert ist. Und da ich keine Frauenmörder- sondern eine mörderische Nummer machen wollte, habe ich in meinem Text das Ende offengelassen. Eindeutig ist [der Song] nicht. Eine gewisse Verunsicherung als Stilmittel ist beabsichtigt".

Und in der Tat versteht es Falco durch Reizwörter gewisse Gemütsverfassungen bei den Zuhörern auszulösen: Das Thema von Falcos Hit lässt sich nicht wirklich festmachen. Sicherlich gibt es einerseits textliche Elemente, die auf ein Verbrechen hindeuten ("steh auf", "Wald", "nass", "Schuh", "Lippenstift", "mach mich nicht an", "wir müssen weg hier") sowie der Nachrichten-Newsflash (der dem Song eine gewisse Nähe zur Realität verleiht, auch weil ihn der Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben spricht) und die Art und Weise wie Falco den Text singt/spricht), aber gleichzeitig kann es natürlich auch möglich sein, dass der Song wirklich nur einfach von einem Liebespaar handelt, dass von Zuhause und von den elterlichen Zwängen und Verboten ausreißt (so könnten ja mit der Zeile "sie kommen dich zu holen" auch die Eltern des Mädchens gemeint sein). Selbstverständlich ist auch einer der Schlüsselsätze des Textes ambivalent: wenn Falco singt "Alle wissen, dass wir zusammen sind ab heute", dann kann das natürlich auf eine Liebesgeschichte hindeuten, gleichzeitig aber natürlich auch implizieren, dass Falco sein Opfer umbringen wird oder dies bereits gemacht hat und nun an den, die beiden wieder vereinenden, Selbstmord denkt (à la "Join Me In Death" der finnischen Band HIM: geht es hier um Entführung, Vergewaltigung, Mord und Selbstmord?).

Wie auch immer, der Reiz des Songs liegt natürlich auch in der Zweideutigkeit und dem emotional sehr beladenen Thema, die Faszination ergibt sich ja gerade aus der suggestiven Darbietung und den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten. Nicht zuletzt bietet der Refrain (der wohl fast unverändert der Demo der Bollands entspricht) zahlreiche assoziative Deutungsbegriffe wie "lonely little girl in a cold world", "life is not what it seems", quit living on dreams" und "there’s someone who needs you". Falco gab dem Song auf dem Album den Untertitel "Sus-Mix-Spect Crime Version" was natürlich auch darauf abzielte, die Doppeldeutigkeit noch mehr aufzuladen. Eine zusätzliche Bedeutungsebene entsteht durch Falcos Gesangstil, der gleichzeitig verführerisch als auch bedrohlich wirkt, Falco spricht den Text mehr wie ein Schauspieler als ein Popstar, seine Stimme klingt verlebt und müde, gleichzeitig aber auch hellwach und fokussiert. Im weiteren Verlauf steigert sich sein Sprechgesang zu wahnhaften, hysterischen Formen, was dem Song neben der musikalischen Ebene noch eine weitere Schicht Dramatik verleiht.

Die Entstehungsgeschichte der Nummer ist ebenfalls sehr interessant: Der Umstand, dass Falco weder eine Ballade und noch weniger eine über ein von Daheim ausgerissenes Teenager-Mädchen singen wollte, bewirkte eine wochenlange Weigerung des Künstlers, sich mit dem Song überhaupt zu befassen. Erst das Drängen seines Managements und seiner Plattenfirma, die das kommerzielle Potential der Nummer sahen, brachte Falco dazu, sich bereit zu erklären, den Song, mit dem oben besprochenen neuen Text von ihm, überhaupt einzusingen.

Der Song wurde zunächst nur auf dem Album Falco 3 veröffentlicht, hier war er der letzte Song auf der A-Seite, was sicherlich nochmals zu seiner Wirkung beitrug. Schließlich wurde die Nummer als dritte Single aus dem Album veröffentlicht (nur nicht auf den Philippinen, dort wurde sie lediglich als B-Seite verwendet, stattdessen wurde dort aus unbekannten Gründen Macho Macho als Single herausgebracht). Der Song stieg sofort in die Hitparade ein und verkaufte sich gut, der wahre Erfolg ging aber erst los, als der Medienrummel rund um ihn einsetzte. Beginn der öffentlichen Diskussion um die Nummer war dabei sicher der Report von Dieter Kronzucker im „Heute Journal“, einer Institution der Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen. Kronzucker, dessen Töchter ein paar Jahre zuvor Opfer einer Entführung geworden war, verteufelte in der Sendung den Falco-Hit und rief zu einem Boykott auf, welchem sich in den nächsten Tagen zahlreiche deutsche Radiosender anschlossen.

Auch das exzellente Video (dazu später) wurde nicht mehr gespielt, selbst der in dieser Hinsicht liberalere Österreichische Rundfunk spielte den Clip nicht mehr, zeigte aber eine Live-Version des Songs. Zahlreiche Institutionen und Bewegungen fühlten sich danach auf den Plan gerufen und gaben ihre Meinung über den Song zum Besten. Von einer Verherrlichung von Gewalt war die Rede, von einem Song über Mord, Vergewaltigung, sexueller Gewalt und Entführung. Kirche, Frauengruppen und politische Parteien schalteten sich ein und grundsätzlich wurde die Frage gestellt, ob so ein Song überhaupt verkauft werden dürfe. Schließlich wurde ein Indizierungsantrag bei der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eingebracht, der Verkauf und die Werbung für diese Platte sollte gesetzlich verboten werden. Dies war zuvor nur einer Aufnahme von Adolf Hitler passiert und schlussendlich sprach sich die Institution aufgrund der vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten gegen ein solches Verbot aus.

Der ganze Rummel um den Song hatte jedoch auch noch andere Folgen: nämlich die, dass der Absatz der Single und auch des dazugehörigen Albums schlagartig anstieg und das Lied zum erfolgreichsten Hit von Falco in Deutschland wurde. Der Song wurde so quasi zur Blaupause wie man im Pop-Business einen kleinen Skandal zur Erhöhung der Verkaufszahlen anzettelt, spätere Versuche von den Böhsen Onkelz, Rammstein, Bushido, Sido und wie sie alle heißen mögen, wirken jedoch gegen Falcos Song wie müde Abklatsche, gerade weil ihnen die Ambivalenz dieses Stücks Popgeschichte fehlt. Durch Falcos Song sammelte der deutsche Sprachraum erste Erfahrungen mit Pop-Zensur und ihren positiven Folgen für den Tonträgerabsatz (in Großbritannien waren solche Skandale durch Gruppen wie Frankie Goes To Hollywood bereits bekannt und beliebt).

Das Lied war durch diesen Medienhype monatelang auf den Spitzenplätzen der Charts zu finden, in Deutschland war der Song fünf Monate in der Hitparade zu finden, in allen deutschsprachigen Ländern setze er sich an die Chartsspitze. Während das Lied in den deutschsprachigen Ländern extrem erfolgreich war, hinkten die Chartplatzierungen im Rest von Europa ein bisschen nach, zu wichtig war das Verständnis des Textes als Voraussetzung für die Attraktivität des Songs. Zwar fertigte man eine englischsprachige Version des Titels an – eine extrem seltene Vorgehensweise bei Falco-Songs, dies geschah lediglich noch bei That Scene (Ganz Wien) (hier jedoch aufgrund der drohenden Boykottgefahr aufgrund des Drogenthemas), Emotional (wobei es eine nicht ganz konfliktfreie Entstehungsgeschichte gibt) und bei Titanic. Da jedoch die Übersetzung bei weitem nicht die Qualität und Faszination des deutschen Originaltextes erreicht, reichte es gerade mal in Großbritannien für einen Platz in den Charts (#68).

Auch das Cover der Single spielt mit den zweideutigen Bedeutungsebenen des Lieds, der im Text vorkommende Schuh steht verloren auf einem vom Regen nassen Kopfsteinpflaster, abgefallene Blätter bedecken den Weg. Darüber steht in großen, roten Buchstaben, der wie von einem Lippenstift hingemalt aussehende Songtitel, links unten findet man den Schriftzug "Falco" wie er auch das dritte Album ziert (in einigen Ländern wurde dieser schwer lesbare Schriftzug durch normale Buchstaben ersetzt). Neben dem Titel steht dann noch klein "Part 1". Das amerikanische und das japanische Cover verwenden ein Bild aus dem dazugehörigen Video – in einer schwarz/weiß-Aufnahme sieht man die Darstellerin der Jeanny-Figur aus dem Video mit geschlossenen Augen, wie tot. Der englische Single-Release verwendet das Foto des europäischen Covers, allerdings wurde hier ein starker Fokus auf den roten Schuh gemacht und links oben ein Bild von Falco aus den Fotosessions zum Album Junge Roemer verwendet, eindeutig das schwächste dieser drei Designs. Weder die Covers in den USA, in Großbritannien noch in Japan verweisen darauf, dass dies Part 1 ist, das machen nur die europäischen Veröffentlichungen.

Der Grund für die Erwähnung dieses Unterschieds liegt in der Tatsache begründet, dass laut Falco der Song bereits von Anfang an als Trilogie geplant war, die Saga also auf drei Teile ausgelegt und auch so konzipiert war. Es gibt jedoch viele Hinweise darauf, dass diese Aussage so nicht ganz stimmt: so wurde der Titel auf dem Album Falco 3 noch ohne jeden Hinweis darauf, dass dies Teil 1 der Saga sein soll, angegeben. Erst als nach Veröffentlichung des Albums bereits klar wurde, dass der Song einen ziemlichen Aufruhr verursachen dürfte, kam Horst Bork, Falcos Manager auf die Idee, der aufgebrachten Öffentlichkeit und der Presse die Geschichte mit den Fortsetzungen der Jeanny-Story aufzutischen. Gleichzeitig wurden 2 Millionen Aufkleber mit dem Slogan "Jeanny lebt" gedruckt und in Deutschland verteilt. Später wurde auch für die Single ein neues Cover entworfen, auf der Rückseite nahm nun Falco in einem kleinen Essay Bezug auf den Skandal. Ein paar Auszüge daraus: "Jeanny lebt und es geht auf der nächsten LP weiter. Die Nummer wurde als Trilogie angelegt und so produziert". Das war zwar nicht der Fall, aber es hielt die Diskussion noch ein paar Wochen weiter am Köcheln und erlaubte es Falco und seinen Produzenten, auf dem nächsten Album bereits einen weiteren sicheren Hit am Start zu haben, die Fortsetzung des Songs verkaufte sich quasi schon auf dem Papier von selbst.

So heiligt der Erfolg die Mittel und in der Tat schaffte es die Saga rund um Jeanny auf zwei weitere Teile: ein Jahr später folgte auf dem Album Emotional der Song Coming Home (Jeanny Part 2, Ein Jahr Danach) und 1990 setzte Falco mit der Nummer Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry) auf dem Album Data De Groove einen adäquat sarkastisch-selbstironischen Schlusspunkt unter die damals für die Öffentlichkeit bereits uninteressante Fortsetzungsgeschichte (die nach Falcos Tod als dritter Teil der Jeanny-Geschichte vermarkteten Songs The Spirit Never Dies (Jeanny Final) und "Where Are You Now?" sind hingegen nichts weiter als geschickte Marketing-Gags beziehungsweise unverschämt-freche Zusammenschnitte aus anderen Falco-Songs).

Ebenso wie bei Rock Me Amadeus trug auch bei diesem Titel das Video von Dolezal und Rossacher viel zum Erfolg bei: es ist ein extrem gut auf den Text abgestimmter Clip, der nicht nur den Text aufnimmt und verarbeitet, sondern zusätzlich noch weitere Bedeutungsebenen hinzufügt: Zu Beginn sieht man ein verregnetes Kanalgitter, eine Puppe fällt zu Boden, dann erscheint Falco, finster mit Hut dreinblickend, hinter Jalousien die zugezogen werden. Es erscheint der Neon-Schriftzug eines Hotels, die Buchstaben sind vereist, man sieht "Bates Motel", eine Anspielung auf den Horrorklassiker "Psycho" von Alfred Hitchcock. Danach sieht man ein küssendes Paar vor einer Disco stehen, Mädels in Miniröcken gehen vorbei, die Szene erinnert an den Kultfilm „American Graffiti“. Man sieht Falco wie er hinter einem Baum versteckt diese Szenen beobachtet, langsam nähert er sich dem Tanzlokal. In einer Großaufnahme eines Auges spiegelt sich ein nasser Waldboden, Nebel, Spiegelscherben liegen herum. In einer schwarz-weiß-Aufnahme sieht man Falco mit Hut und Mantel ein lebloses Mädchen durch die Kanalisation tragen, ebenfalls eine Anspielung auf einen Filmklassiker, „Der dritte Mann“ mit Orson Welles.

Falco singt in den Abwasserkanälen mit irrem Blick und ungelenken motorischen Bewegungen den Refrain. Danach ist das Blaulicht einer Polizeistreife im Bild, die Beamten befragen Zeugen. Nun zoomt die Kamera auf eine Frauen-Toilette, man sieht ein junges Mädchen (diejenige Jeanny, die Falco einige Szenen zuvor beobachtet und dann wie tot durch die Kanalisation getragen hat), sie zieht vor dem Spiegel ihren Lippenstift nach. Als Falcos dunkler Schatten neben ihr auf der Fliesenwand erscheint, dreht sie sich erschreckt um, sie sagt (gleichzeitig zu Falcos Text) "Mach mich nicht an". Verschreckt sinkt sie zu Boden und stößt sich mit den Händen nach hinten ab, um von Falco wegzukommen. Schnitt auf eine Polizeistaffel, die mit Hunden und mit Taschenlampen die Kanalisation absucht. Jeanny weicht weiter zurück, mit dem Lippenstift macht sie einen Strich an die Fliesenwände. Danach sieht man Falco, diesmal im edlen Smoking und mit zurückgegelten Haaren (also quasi „in image“), an einem weißen Flügel sitzen und dort, sich selbst begleitend, den Refrain singen. Er sitzt in einer Art Glashaus, es regnet stark, hinter ihm liegt Jeanny, im weißen Kleid immer noch leblos auf einem weiteren Klavier liegen. Überall stehen Kerzen, Blumen und ausgestopfte Vögel (ein weiterer Verweis auf Hitchcocks "Psycho"), Das Ganze sieht aus wie eine saubergewaschene Fantasie, überhöht und unreal. Gegen Ende des Refrains schwenkt die Kamera auf Jeanny, fährt an ihrem Körper entlang und mit dem letzten Wort des Refrains ("Jeanny") schlägt sie die Augen auf.

Ein weiterer Schritt führt uns in die Wiener U-Bahn, Falco (diesmal wieder mit Mantel und Hut, also in der Täter (?)-Rolle) geht durch eine unterirdische Passage zu einem Café, auf seinem Mantel ist mit Kreide der Buchstabe "F" aufgemalt, er geht an einem Blinden mit Luftballons vorbei, beides eine Referenz an Fritz Langs "M-Eine Stadt sucht ihren Mörder". Durch die großen Glasfenster des Cafés sieht Falco eine Nachrichtensendung, der Sprecher vermeldet in einem Newsflash, dass ein 19jähriges Mädchen vermisst wird und die Polizei ein Verbrechen nicht ausschließt. Während Falco zusieht, schwenkt die Kamera nach rechts, vom Fernsehapparat weg, dort macht sich Jeanny gerade daran das Café zu verlassen. Fingernägel kauend beobachtet Falco das Mädchen und in der letzten Aufnahme dieser Szene sieht man, wie er mit großen Schritten Jeanny nachstellt und sie verfolgt, panisch dreht sie sich nach ihrem Verfolger um.

Hier ergibt sich die Frage, ob denn die Nachrichtenmeldung in einem Zusammenhang mit den Ereignissen rund um die Opfer-Täter (Jeanny-Falco)-Geschichte stehen kann, wird doch die Nachrichtenmeldung noch vor der Verfolgung von Jeanny durch Falco verlesen. Ein weiterer kleiner Puzzlestein im immer ambivalenter werdenden Krimi um Jeanny. Bei dem langgezogenen Jeanny-Schrei des Liedes sieht man dann Falco in einer Zwangsjacke in einer Gefängniszelle sitzen, er schwitzt und singt manisch den Refrain. Auch Jeanny (in den Klamotten aus dem Café) ist in dieser Zelle, sie zieht sich in Richtung Kamera den Lippenstift nach. Danach küsst sie Falco bevor sie im weißen Kleid (mit dem sie zuvor zunächst leblos am Klavier gelegen ist) vor ihm tanzt. Weiter geht die Modenschau, nun erscheint Jeanny im hautengen roten Kleid mit Strümpfen. Am Ende des Videos sitzt Jeanny (nun in alltäglichen Straßenklamotten, man kann annehmen, dass die Schauspielerin nun aus ihrer Rolle heraustritt und sie selbst ist) neben dem immer noch wie wahnsinnig singenden Falco, hält sich die Hand vor die Augen und lacht auf einer Art Metaebene über ihren Clip-Partner). In der letzten Szene sieht man einen Gefängniswärter durch das Zellenfenster schauen, er sieht Falco, immer noch mit Zwangsjacke, ruhig und still auf einem Stuhl in seiner Zelle sitzen… Alles nur Einbildung also? Über diese Aufnahme von Falco wird dann "End of Part One" eingeblendet.

Von diesem Song gibt es eine Extended Version, in der dem Song ein Intro vorangestellt wird, in dem eine weibliche Stimme ein paar zusätzliche Textelemente singt, die noch aus dem Demo der Bolland-Brüder stammen dürften. Weil der Originalsong mit einer Laufzeit von fast 6 Minuten recht lang ist, fertigte man zusätzlich noch einen rund viereinhalb Minuten langen Radio Edit an. Auch der englischen Version der Nummer wurde eine Extended Version und ein Radio Edit spendiert, zusätzlich gibt’s diese Version natürlich auch noch in der normal langen Version. Die englischen Mixes unterscheiden sich in einigen wenigen Soundeffekten und natürlich im Text, können aber mit der deutschen Originalversion nicht mithalten.

1991 erstellte der deutsche Produzent Harold Faltermeyer für das damals veröffentlichte Album The Remix Hit Collection einen neuen Remix dieses Songs, er macht dies sehr behutsam und konservativ, wohl auch weil die Songstruktur wenig anderes zulässt. Sein Remix ist sphärischer, arbeitet stark mit Harmonien und macht sowohl Drums als auch die Synthesizers stärker und dominanter. Eine wirkliche Weiterentwicklung beziehungsweise Optimierung erfährt der Moment an der Stelle, wo Falco nach dem Newsflash den langgezogenen Jeanny-Schrei loslässt. Hier doppelt Faltermeyer mit den Background-Stimmen Falcos Schrei und erzielt dadurch einen noch dramatischeren Effekt.

2008 wurde ein Symphonic-Remix für das gleichnamige Album produziert und 2010 bastelte die englische Band Hurts, im Rahmen der 25th Anniversary Edition des Albums Falco 3, eine Mischung aus Cover-Version und Remix an. Diese Hybridlösung funktioniert jedoch nicht wirklich, auch weil der Sänger der Band beschloss, die deutschen Texte Falcos selbst zu singen, was dem bedrohlichen Original nicht nur nicht nahe kommt, sondern lediglich unfreiwillig witzig klingt. Falcos Stimme wird im Refrain (sehr reduziert aber doch) verwendet.

2011 fertigt der deutsche Produzent und DJ Money-G eine Reihe von Techno- und Dancefloor-Remixes dieses Songs an (sowohl von der deutschen als auch von der englischen Version). Diese Mixe lässt er dann von anderen DJ nochmals remixen, sodass schlussendlich insgesamt 18 (!) Remixe entstehen. Keiner davon ist wirklich hörenswert, gleichzeitig sind diese Dance-Mixe aber alle sehr professionell gemacht und der Falco-Fan freut sich ja sowieso über Neuerscheinungen. Wesentlich besser sind die 2017 produzierten Remixe im Rahmen des JNG RMR-Projekt, vor allem der "Jeanne D’Arc Remix" von Ogris Debris weiß zu überzeugen.

2018 wurde für das Tribute-Album Sterben Um Zu Leben eine Samplingversion von Ali A$ veröffentlicht, diese ist aber, wie der Rest dieses Deutschrap-Projekts, nicht wirklich der Rede wert.

Live wurde der Song bei jeder Tour aufgeführt, 1985/86 wurde am Schluss des Songs die Melodie der Filmmusik von "Spiel mir das Lied vom Tod" angespielt, eine ironische Selbstpersiflage.  Im Rahmen der 1993/94-Auftritte verband Falco die ersten beiden Jeanny-Teile zu einer Nummer, das Outro des ersten Teils ging dabei nahtlos in den Refrain von Coming Home (Jeanny Part 2, Ein Jahr Danach), des zweiten Teils der Saga, über, eine witzige und gelungene Möglichkeit, die weitaus schwächere Fortsetzung (immerhin #1 in Deutschland) nicht vollständig aber teilweise aufführen zu können.

Aufgrund des immensen Erfolgs des Songs gibt es zahlreiche Cover-Versionen, die ersten bereits im Frühjahr 1986 als die deutschen Komiker Frank Zander und Mike Krüger im Fahrwasser des Originals ihre jeweiligen Covers sogar in den Charts platzieren konnten. Auch Falcos ehemalige Band Drahdiwaberl konnte der Versuchung nicht widerstehen und veröffentlichte unter dem ironischen Titel "Jeanny, Part 13" eine ganz und gar nicht jugendfreie Version des Superhits. Im Laufe der Jahre versuchten sich dann auch weitere Künstler wie etwas Fettes Brot, Reamon und Xavier Naidoo und andere an diesem Falco-Klassiker.

Der Song bleibt bis heute ein aufregend produziertes und faszinierendes Stück deutschsprachiger Popmusik, sowohl der Song selbst als auch das dazugehörige Video (das heute noch dafür sorgt, dass DVDs auf denen dieser Clip enthalten ist, mit einer FSK 16-Kennzeichnung verkauft werden müssen) lassen auch beim hundertsten Anhören bzw. Ansehen Gänsehaut aufkommen.

Text

Jeanny, komm
Come on
Steh auf bitte
Du wirst ganz naß
Schon spät, komm
Wir müssen weg hier
Raus aus dem Wald
Verstehst du nicht?

Wo ist dein Schuh?
Du hast ihn verloren
Als ich dir den Weg zeigen mußte
Wer hat verloren?
Du, dich?
Ich mich?
Oder
Wir uns?

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who needs you
Hey, babe

Es ist kalt
Wir müssen weg hier
Komm
Dein Lippenstift ist verwischt
Du hast ihn gekauft
Und ich habe es gesehen

Zuviel Rot auf deinen Lippen
Und du hast gesagt "Mach mich nicht an"
Aber du warst durchschaut
Augen sagen mehr als Worte
Du brauchst mich doch, hmmh?
Alle wissen, dass wir zusammen sind ab heute

Jetzt höre ich sie!
Sie kommen!
Sie komme dich zu holen
Sie werden dich nicht finden
Niemand wird dich finden
Du bist bei mir

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who needs you
Jeanny

Newsflash:
In den letzten Monaten ist die Zahl
Der vermissten Personen dramatisch angestiegen
Die jüngste Veröffentlichung der lokalen Polizeibehörde
Berichtet von einem weiteren tragischen Fall
Es handelt sich um ein neunzehnjähriges Mädchen,
Das zuletzt vor vierzehn Tagen gesehen wurde
Die Polizei schließt die Möglichkeit nicht aus,
Dass es sich hier um ein Verbrechen handelt

Jeanny
Looks like now there is someone who’s gonna need you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, Jeanny, Jeanny
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
Looks like now there is someone who’s gonna need you

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who’s gonna you

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight

Text
Englische Version

Jeanny, komm, come on
Where are you now, babe?
Day after day
And one desperate night after the other
Searching for you

Through the ice-cold wind and
Looking for something
Anything that might lead me to you
But not even a trace
Apart from the one red shoe
Ein roter Schuh
Aber wo, wo bist du?
Tell me where are you?

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who needs you
Hey, babe

This face
Dein Gesicht
That smile
Dein Lippenstift
No-one could look upon you face
And not want to hold you
Touch you
Caress you
Posses you

And in a few moments from now
I will hold you
And everything will be alright
I just know that i’m right
Tell me that i’m right
Oh, please tell me now!

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who needs you

Newsflash:
During the last couple of months
There has been a dramatic increase
Of the number of teenagers reported missing
Local police authorities have informed of yet nother tragic case
Involving a 19 year old girl who was last seen two weeks ago
A police spokesman said they are not ruling out the possibility
Of a crime having been comitted

Jeanny
Looks like now there is someone who’s gonna need you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, Jeanny, Jeanny
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
Looks like now there is someone who’s gonna need you

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight
There’s someone who’s gonna you

Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you, babe
Jeanny, quit livin' on dreams
Jeanny, life is not what it seems
You’re lost in the night
Don’t wanna struggle and fight

Zusätzlich verwendete Textbausteine in alternativen Mixes/Edits/Versionen

Extended Version & English Versions:

Jeanny, come on home, girl
Jeanny, you don’t have to be alone
I know this life is tough
Don’t give up, girl
Life will find your way
It will come your way
Jeanny, Jeanny, why don’t you come home?
Don’t give up though your life is tough
You know
I know someday love will come your way
You know
I know someday there will be another one

Harold Faltermeyer Remix:

Newsflash:
Official government reports state that the number of missing person cases has increased drastically over the past months. At a press conference today, there was talk yet of another tragic case concerning a 19-year-old girl, who has not been seen for over two weeks. The local police authorities do not rule out foul play.

Newsflash:
This is Angela Antonelli reporting live from the parking lot where 19-year-old Jeanny was last seen alive last Thursday afternoon. Since then, there has been no trace of her, and so far, no kidnapper’s ransomed demands. Should any of our listeners have any information which may lead to Jeanny’s whereabouts, please contact your local police or this station immediately.

Meine Textfassung beruht, falls vorhanden, auf den Textbeilagen der offiziellen Veröffentlichungen (Booklet, Inlay, Cover etc.). Allerdings wurden alle Texte abgehört und nach dem gesungenen Wort korrigiert. Bei Songs, bei denen keine Textbeilagen verfügbar sind, basiert meine Fassung ausschließlich auf dem gesungenen Wort bzw. auch auf im Internet kursierenden Versionen. Textpassagen, die im Dialekt gesungen wurden, stehen in gemäßigter Transliteration. Rechtschreibfehler, sowohl deutsche als auch englische, wurden in eklatanten Fällen korrigiert. Die Rechtschreibung beruht teils auf der zur jeweiligen Zeit gültigen (Textbeilagen), teils auf der neuen Rechtschreibung (eigene Abhörungen). Auf Satzzeichen wurde im Allgemeinen verzichtet. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar.